Carl-von-Ossietzky-Gymnasium

„Wir wollen die Synergieeffekte an unserer Schule verstärken“

DKJS/ Katharina Zink

Die Wirksamkeit des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums hat sich durch die Entwicklung zur offenen Ganztagsschule in verschiedener Hinsicht erweitert: Neue Inhalte und Kooperationspartner:innen bieten den Schüler:innen vielfältigere Entfaltungsmöglichkeiten als früher. Rhythmisierung und Schulsozialarbeit sorgen für ein ganzheitliches Lernen und Leben an der Schule.

Ein Schulporträt von Katharina Zink

Altehrwürdig und imposant – so könnte man das denkmalgeschützte Schulgebäude des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums in Berlin-Pankow beschreiben. Passend zur Architektur beruft sich das Gymnasium auf das humanistische Bildungsideal. Latein kann als dritte Fremdsprache gewählt werden und das pädagogische Konzept ist von einem ganzheitlichen Bildungsanspruch geprägt. Betritt man das großzügige Foyer, fallen einem allerdings gleich ein paar Dinge ins Auge, die zeigen, dass sich seit der Schuleröffnung im Jahr 1910 einiges getan hat. Auf großen, modernen Sitzelementen kommen Schüler:innen zusammen und nach ein paar Schritten steht man vor blauen Stellwänden, die über den offenen Ganztag des Gymnasiums informieren. Vor fünf Jahren hat sich die Schule auf den Weg gemacht, ihr Konzept in Richtung offene Ganztagsschule zu erweitern und umzugestalten.

Der erste Impuls zur Entwicklung des Ganztags kam von Schulleiterin Ilona Kowollik. Sie stieß 2018 den Prozess an und fand mit Susann Henzel-Timmel eine Vertreterin im Kollegium, die seitdem als verantwortliche Koordinatorin mit Unterstützung einer Arbeitsgruppe die treibende Kraft hinter dem offenen Ganztag an dem Pankower Gymnasium ist. „Uns ging es zum einen darum, Synergieeffekte innerhalb der Schulgemeinschaft zu verstärken, weil wir ja schon durchaus ein sehr reges AG-Leben hatten, gerade was den Musikfachbereich anging. Aber eben auch mit Luft nach oben, weil wir bestimmte Interessen der Schüler:innen nicht abdecken konnten. Und gleichzeitig haben wir uns Schulsozialarbeit an der Schule gewünscht”, erzählt Henzel-Timmel.

Bevor der offene Ganztagsbetrieb am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium im Schuljahr 2021/22 startete, wurde mithilfe mehrerer Umfragen ermittelt, welche Bildungselemente und Angebote sich Schüler:innen und Eltern für den offenen Ganztag wünschen. Dabei kristallisierte sich ein klares Interesse an mehr sportlichen und kreativen Angeboten am Nachmittag heraus. Zusätzlich sollten die Möglichkeiten insgesamt vielfältiger und mehr Kooperationspartner:innen innerhalb und außerhalb der Schule integriert werden.

DKJS/ Katharina Zink

Enge Vernetzung mit der Schulsozialarbeit

Ein weiterer Gelingensfaktor war aus Sicht von Schulleitung und der treibenden Lehrkräfte auch die konsequente Einbindung der Schulsozialarbeit. Jan Kittel ist seit Mitte des Jahres 2021 an dem Pankower Gymnasium als Schulsozialpädagoge in das Lernen über den ganzen Tag involviert: „In den ersten eineinhalb Jahren mussten wir unseren Platz an der Schule und im Schulleben erst finden und uns auch bei den Schüler:innen ins Bewusstsein bringen”, erzählt er. Mittlerweile haben er und seine beiden Kolleg:innen zahlreiche Berührungspunkte mit den Jugendlichen, das Büro in der dritten Etage ist fester Anlaufpunkt geworden. Für Susann Henzel-Timmel ist das ein ganz wesentlicher Faktor im Ganztagskonzept, nicht zuletzt weil die Lehrkräfte bei den täglichen Herausforderungen unterstützt werden: „Die Vernetzung mit der Schulsozialarbeit ist sehr fruchtbar. Auch als Gymnasium haben wir Schüler:innen, für die wir ein multiprofessionelles Team brauchen, um den Jugendlichen gerecht zu werden. Das war auch eine Grundidee und Motivation, die Schule als Ganztagsschule zu entwickeln.”

Für die Lehrerin macht die Zusammenarbeit mit den Schulsozialpädagoginnen einen deutlichen Unterschied: „Wir haben natürlich als Lehrkräfte immer professionell gehandelt. Aber mit der Schulsozialarbeit hat das jetzt einen anderen Rahmen, man ist nicht mehr allein als Lehrkraft.” Die Schüler:innen des Pankower Gymnasiums kommen überwiegend aus bildungsnahen Familien und Jan Kittel beobachtet, dass sich das auch in den Themen und dem Beratungsbedarf der Jugendlichen widerspiegelt: „Für mich als Schulsozialarbeiter sind das auf jeden Fall anders gelagerte Themen als für meine Kolleg:innen an anderen Berliner Schulen. Dort spielen zum Beispiel Gewalt oder Konsum von Suchtstoffen eine größere Rolle.“

„In der Projektsteuerungsgruppe sehen wir schneller Schnittmengen, zum Beispiel zwischen den Ganztagsangeboten und der Lern- und Begabtenförderung. Als Mittelstufenkoordinatorin bin ich ohnehin sehr daran interessiert, was im Ganztag passiert und wie ich das mit dem Unterrichtsalltag vernetzen kann.“

Frau Kimme
Lehrerin und Mitglied der Projektsteuerungsgruppe

Kommunikation, Austausch und Sichtbarkeit für ein erfolgreiches Lernen über den ganzen Tag

In der Projektsteuerungsgruppe – bestehend aus fünf bis sechs gewählten Lehrer:innen – werden Veränderungen und nächste Schritte der Ganztagsschulentwicklung diskutiert. Etwa alle vier Wochen kommen die Kolleg:innen zusammen. Susann Henzel-Timmel ist in diesem Gremium, genauso wie ihre Kollegin Frau Kimmel: „In der Projektsteuerungsgruppe sehen wir schneller Schnittmengen, zum Beispiel zwischen den Ganztagsangeboten und der Lern- und Begabtenförderung. Als Mittelstufenkoordinatorin bin ich ohnehin sehr daran interessiert, was im Ganztag passiert und wie ich das mit dem Unterrichtsalltag vernetzen kann.“ Ein Ergebnis davon ist die Kooperation mit dem Partner „Schlaufuchs“, dessen Lernstudio aus dem Ganztag heraus finanziert wird. In dem Gremium werden zudem für die ganze Schulgemeinschaft offene, partizipative Formate entwickelt, in denen zum Beispiel verschiedene Aspekte der Rhythmisierung des Schultages diskutiert werden.

Bei Kommunikation und Sichtbarkeit sieht Susann Henzel-Timmel einen Hebel, um die Wirksamkeit des Konzepts innerhalb der Schulgemeinschaft noch weiter zu steigern: „Es kommt immer wieder darauf zurück, dass die Kommunikation innerhalb der Schule ein wichtiger Faktor ist. Da können wir als Ganztags-Team auch noch besser werden.” Ein nächster Schritt sei es daher, Informationen noch leichter zugänglich zu machen und mehr Transparenz herzustellen. Aktuell ist unter anderem geplant, einen zentralen Zugriff für die Klassenleitungen zu den Teilnehmer:innen-Listen der Angebote des offenen Ganztags einzurichten. Gleichzeitig wird daran gearbeitet, dass alle Informationen und Angebote auch für die Schüler:innen leicht einsehbar sind. So soll die Integration und Verzahnung der unterschiedlichen Bildungselemente im offenen Ganztag weiter voran getrieben werden.

„Unten auf der Tafel im Foyer kann man alle Angebote nachgucken. Ich finde die Auswahl sehr gut, weil es so viel Verschiedenes gibt und ich mag, dass man Menschen kennenlernt und Freunde findet.“

Luise
achte Klasse

Interessens- und bedarfsorientierte Entwicklung

Mittlerweile nehmen immer mehr Schüler:innen an den AGs im Rahmen des offenen Ganztags teil. Von den etwa 800 Schüler:innen der Jahrgänge sieben bis zehn nutzten im letzten Schuljahr knapp 200 Jugendliche die Angebote. Die hohen Teilnahmezahlen sind das Ergebnis konsequenter Bedarfsabfragen in Umfragen und Gremien. Gleichzeitig sucht das Ganztags-Team nach spannenden Kooperationspartner:innen und Inhalten, die für die Jugendlichen attraktiv sind. Da die offene Ganztagsschule keine verpflichtende Präsenzzeit mit sich bringt, steht sie in direkter Konkurrenz zu Freizeitaktivitäten außerhalb der Schule. Etwa 80 bis 90 Prozent der Schüler:innen des Gymnasiums gehen nach der Schule zum Beispiel in den Musikunterricht oder zum Training in einem Sportverein.

Immer zum Halbjahr darf aus den aktuell 23 AGs gewählt werden, die von Montag bis Donnerstag zwischen 13 und 17 Uhr stattfinden. Manche sehr beliebte AGs wie Tauchen oder Bouldern haben allerdings nur begrenzte Kapazitäten, sodass am Ende ausgelost werden muss, wer die begehrten Plätze erhält. Für keines der Angebote ist eine Zuzahlung notwendig, was Susann Henzel-Timmel wichtig ist: „Vielleicht können sich manche der Eltern eine Zuzahlung leisten, aber andere eben nicht. Und wir wollen keine Schieflagen verstärken.” Ein Besuch in der Boulderhalle „Berta Block” oder das Tauchen sind normalerweise keine günstigen Aktivitäten und werden so für alle Schüler:innen des Gymnasiums zugänglich gemacht – insofern sie das Losglück auf ihrer Seite haben. Luise aus der achten Klasse hatte schon zweimal Glück: Einmal war sie beim Bouldern dabei und in diesem Halbjahr ist sie in der Tauch-AG: „Meine Mutter hat mich online angemeldet und dann wurde ich ausgewählt. Unten auf der Tafel im Foyer kann man alle Angebote nachgucken. Ich finde die Auswahl sehr gut, weil es so viel Verschiedenes gibt und ich mag, dass man Menschen kennenlernt und Freunde findet.“

DKJS/ Katharina Zink

Alltagslernen in altersgemischten Gruppen

Eine gute Zusammenarbeit mit den Kooperationspartner:innen ist ein wichtiger Baustein einer funktionierenden Ganztagsschule. Manche von Ihnen kommen an die Schule, um ihre AG durchzuführen, zu anderen Partner:innen gehen die Jugendlichen hin. In der Jugendkunstschule um die Ecke findet zum Beispiel die Keramik-AG statt, die immer ausgebucht ist. Die „AG Kochen”, die Jan Kittel leitet, findet im Jugendzentrum „m24” statt. „Die Zusammenarbeit ist sehr vertrauensvoll und funktioniert gut“, erzählt er. Etwa fünf Gehminuten vom Schulgebäude entfernt, kann die AG hier ungestört eine Küche nutzen. Das gefällt Timon: „Es ist auch schön, dass man etwas Schulisches macht, aber nicht direkt in der Schule”, erzählt der 14-Jährige. „Ich koche gerne, am liebsten die Gnocchi-Pfanne mit Tomatensoße. Das ist nicht so kompliziert.“

Genauso wie Luise schätzt er den sozialen Kontakt in den jahrgangsgemischten Gruppen: „Ich mag, dass man auf jeden Fall Menschen kennenlernt, auch klassenübergreifend, mit denen man auch in Kontakt bleibt.“ Die Begegnungen außerhalb des Unterrichts und des Klassenverbands stärken die Schulgemein-schaft. Und Jan Kittel sieht in seiner AG die Möglichkeit, Alltagswissen und -kompetenzen zu vermitteln: „Wir gehen auch gemeinsam einkaufen. Unser Budget ist nicht so groß und wir integrieren an der Stelle auch Alltagslernen. Manche Schüler:innen waren noch nie im Supermarkt und haben wenig Bezug dazu, was Lebensmittel kosten.” Gleichzeitig festigt er in diesen Formaten die Beziehung zu den Jugendlichen.

Der Ganztag als Beschleuniger der Rhythmisierung

Mit der Entscheidung für die offene Ganztagsschule starteten auch Überlegungen, wie eine gute Rhythmisierung für das Gymnasium aussehen kann. Seit diesem Schuljahr gibt es deshalb sogenannte „Übergangszeiten”: Durch die Stundenplanung mit 75 Minuten in dem 75/60-Minutenmodell entstehen Zeitfenster von 15 oder 30 Minuten, die von den Schüler:innen flexibel genutzt werden: „Die Jahrgänge laufen auf unterschiedlichen Schienen und haben dadurch zeitversetzt Pause oder selbstbestimmte Lernzeit. Das läuft jetzt erst einmal ein halbes Jahr und wird dann wahrscheinlich nochmal etwas angepasst”, erklärt Frau Kimmel. „Die Idee ist, dass man so eine Kultur des selbstständigen Lernens etabliert“, ergänzt Susann Henzel-Timmel.

Aktuell nutzen manche Schüler:innen diese Zeit für Hausaufgaben, Klausurvorbereitung oder arbeiten an Projekten. Andere Schüler:innen machen lieber Pause und verbringen die Zeit mit den anderen. „Es ist natürlich praktisch, wenn man zum Beispiel noch etwas fertig machen muss, das in den 15 Minuten zu erledigen, anstatt in der Pause. Aber oft ist es dann doch auch laut und man kann sich nicht so gut konzentrieren. Aber es ist auch gut, nicht in der Kälte auf dem Hof zu sein”, wägt Timon ab. „Die 15 Minuten hinten dran zum Lernen sind okay, aber eine längere Pause ist auch nicht schlecht”, findet Luise. In manchen Klassen wird in einem der längeren Slots von 30 Minuten der Klassenrat durchgeführt, berichtet Jan Kittel, der dieses Format der Demokratiebildung oft begleitet.

DKJS/ Katharina Zink

Unterschiedliche Bedürfnisse als Herausforderung

„Wir probieren in dieser Phase einige Sachen aus”, betont auch Susann Henzel-Timmel. Eine Herausforderung stellt die Raumgestaltung dar. Es gibt wenige alternative Aufenthaltsorte zu den Klassenräumen, erzählt sie weiter. „Wir haben eher einen Mangel an Räumlichkeiten und durch den Denkmalschutz sind wir zusätzlich eingeschränkt. Da brauchen wir noch eine kreative Lösung.“ Die großen Sitzmöbel im Foyer sind ein Anfang. Sie und Frau Kimmel sind sich einig, dass sie mitten im Prozess sind und immer wieder mit den Schüler:innen abstimmen wollen, was letztlich das passendste Konzept für ihre Schule ist. „Im nächsten Jahr bekommen wir auch eine fünfte Klasse. Dazu laufen schon Überlegungen, wie man den Tag für diesen Jahrgang am besten rhythmisiert.”

Insgesamt ist die Umstellung an der Schule mit knapp 1100 Schüler:innen nicht ganz einfach: „Wir überlegen sehr konkret, wo die Schnittmengen sind und wie wir den Ganztag in den Schulalltag hineinbekommen. Aber die Rhythmisierung ist aktuell eine enorme Umstellung des Tagesablaufs. Sowohl die Schüler:innen als auch die Lehrer:innen müssen sich erst einmal daran gewöhnen.“ Von ganz radikalen Veränderungen haben sie deshalb in diesem Schritt abgesehen. Zum Beispiel gibt es auf Wunsch der Schüler:innen kein Mittagsband – in einer Umfrage und in einer offenen Projektgruppensitzung  hatte sich eine Mehrheit dagegen ausgesprochen. „Die Schüler:innen wollten das nicht, weil sie nachmittags ihre Freizeitangebote haben und nicht länger in der Schule bleiben wollen“, erklärt Frau Kimmel. „Bei diesen ganz unterschiedlichen Bedürfnissen, da eine gute Balance zu finden, das ist definitiv eine Herausforderung. Ich glaube, manches müssen wir einfach länger ausprobieren, um zu sehen, was funktioniert – und was nicht.“

Ideen entwickeln, mit allen Beteiligten sprechen, ausprobieren, nachsteuern – und wieder von vorne. Die Ganztagsschulentwicklung nimmt am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium immer mehr Fahrt auf und bindet immer mehr Akteure ein. Und so zeigen die modernen Sitzmöbel im denkmalgeschützten Foyer auch, wo es für das Gymnasium hingehen kann. Greifen Schultradition, selbstbestimmtes Lernen und die Flexibilität der Ganztagsschule ineinander, wird der humanistische Anspruch umso mehr eingelöst: Die Schüler:innen erfahren eine ganzheitliche Bildung und lernen, sich selbstständig und eigenverantwortlich im gesellschaftlichen Leben einzubringen.

Schulporträt veröffentlicht im Jahr 2024.

Das Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Berlin-Pankow hat einen sprachlich-gesellschaftswissenschaftlichen Schwerpunkt. Neben Englisch und Französisch können auch Latein, Italienisch, und Chinesisch erlernt werden. Das Gymnasium verpflichtet sich einem ganzheitlichen Bildungsverständnis und möchte seine Schüler:innen befähigen, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Details zum Carl-von-Ossietzky-Gymnasium

Schulform Gymnasium
offene / teilgebundene / gebundene Ganztagsschule offene Ganztagsschule für die Sekundarstufe I
Schüler:innen ca. 1100
Lehrkräfte 105
Schulsozialarbeiter:innen 3

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