Annedore-Leber-Grundschule

„Es hat sich ein Schneeballprinzip eingestellt”

DKJS/ Katharina Zink

Mathematische Bildung, breit gedacht: Die Annedore-Leber-Grundschule in Berlin-Lichtenrade zeigt, wie über den ganzen Tag Mathematik und Inklusion zusammenpassen.

Ein Schulporträt von Katharina Zink

Wie oft kann man in einer Minute schaukeln? Oder wie oft schlägt ein Herz an einem Tag? Und wie lang sind eigentlich die Schulwege der Kinder der 5b? Mit solchen Fragen setzen sich die Schüler:innen an der Annedore-Leber-Grundschule nicht nur auf dem Papier auseinander. Denn die MINT1-freundliche offene Ganztagsschule in Berlin-Lichtenrade will vielfältige mathematische Kompetenzen vermitteln: „Mathematik ist Problemlösen, Argumentieren, Darstellen, Kommunizieren und Handeln mit Materialien und Interagieren mit der Lernumgebung”, erklärt Mathematiklehrerin Sigrid Langberg.

Um diesen Anspruch einzulösen, greifen verschiedene Elemente ineinander: Im Unterricht werden offene Lernkonzepte eingesetzt und mathematische Inhaltsbereiche mit sogenannten Themenkisten entdeckt und erforscht. Zusammen mit einem Förder- und Forderband ermöglicht die inklusive Schwerpunktschule so, dass die insgesamt 650 Schüler:innen entsprechend ihren Fähigkeiten lernen und sich weiterentwickeln können. Die Klassenteams koordinieren fächerübergreifende Projekte, Unterricht und ergänzende Förderung und Betreuung (eFöB) arbeiten eng zusammen. Der MINT-Schwerpunkt wird an der Ganztagsschule auch in der Schach AG und Experimentier AG erlebbar, so dass die Kinder vielfältige Zugänge zu mathematischer und naturwissenschaftlicher Bildung über den ganzen Tag erhalten.

„Die Lehrer lassen uns nicht nur Text abschreiben oder sowas. Deshalb fühlen sich viele Kinder wohl und es ist nicht langweilig”

Max
fünfte Klasse

Themenkisten, Eulenstunden und fächerübergeifende Projekte

Der ganzheitliche Ansatz zeigt sich im Schulalltag in der praxisorientierten Arbeit mit Themenkisten, in denen die Schüler:innen auf unterschiedlichen Niveaustufen mathematische Inhalte entdecken, erforschen und bearbeiten. Allein oder in Gruppen lösen sie je nach Lernstand Einstiegsaufgaben, Forscheraufgaben oder Expertenaufgaben. Bei den Schüler:innen kommt der abwechslungsreiche Unterricht gut an: „Die Lehrer lassen uns nicht nur Text abschreiben oder sowas. Deshalb fühlen sich viele Kinder wohl und es ist nicht langweilig”, erzählt Max, der die fünfte Klasse besucht.

Das liegt auch daran, dass Mathe für die Grundschüler:innen nicht auf den Klassenraum beschränkt ist. Zum Messen geht es auf den Sportplatz oder Pausenhof, um die Schaukel oder die Sandgrube zu vermessen. Der Fokus liegt auf einer lebensweltnahen und fächerübergreifenden Herangehensweise. „Wir haben gerade Diagramme in Mathematik gemacht, indem wir gefragt haben: Wie lange ist mein Schulweg? Oder wie viele Haustiere hat die Klasse 5b?“, erläutert Sigrid Langberg. „Wir machen das nicht, weil es im Lehrplan steht. Sondern weil man ein Diagramm braucht, um das gut darzustellen. Das ist lebensweltnah und fächerübergreifend.“ Und dieser Ansatz zeigt sich immer wieder: In Kooperation mit Biologie wird geschätzt und überprüft, wie oft ein Herz an einem Tag schlägt, im Kunstunterricht finden sich die geometrischen Formen aus dem Matheunterricht wieder.

Eine weitere Umsetzung des inklusiven Lernkonzepts an der Annedore-Leber-Grundschule sind die sogenannten Eulenstunden, die seit dem Schuljahr 2019/20 in jeder Klasse fest verankert sind. Diese Stunden sind ein Förder- und Forderband, zu dem parallel keine Unterrichtsstunden stattfinden. So verpassen die Schüler:innen keinen Unterrichtsstoff. „In den Eulenstunden haben wir entweder die Rettungsinsel oder können in eine Plus-Stunde gehen, für Mathe oder auch für andere Fächer”, erklärt die Fünftklässlerin Henriette. „Bei uns ist die Eulenstunde am Freitag in der ersten Stunde. Die Rettungsinsel ist Pflicht, bei den Plus-Stunden können sich die guten Kinder aussuchen, ob sie hingehen oder eine Stunde später in die Schule kommen.” Eingeteilt werden die Kinder anhand einer Lernstandserhebung, die immer gegen Ende des Schuljahres durchgeführt wird. „Der ‚Das kann ich schon‘-Test ist in unserem Konzept sehr wichtig, weil er überhaupt erst möglich macht, dass wir wirklich ausreichend Förder- und Matheplus-Kurse einplanen”, betont die Lehrerin Langberg.

„Wir haben zum Beispiel eine Schach AG, die wir zweimal in der Woche gestalten. Bei vielen Brettspielen wird gezählt und Mengenerfassung ist wichtig, das funktioniert gerade für die Kleinen gut.”

Nikos Strehl
Facherzieher im eFöB-Bereich

Kommunikation als Gelingensfaktor

Um die multiprofessionelle Kooperation innerhalb der Schule, sowohl über die Fachbereiche hinweg als auch mit den Erzieher:innen und der Schulsozialarbeit, möglichst reibungslos zu gestalten, wurden an der Grundschule unterschiedliche Kommunikationsformate und -wege etabliert. Einmal pro Woche trifft sich das Klassenteam, das sich aus Klassenlehrer:in, der stellvertretenden Klassenleitung und bis zur vierten Klasse dem oder der Klassenerzieher:in zusammensetzt. Was früher noch in Tür- und Angelgesprächen geklärt wurde, hat so seinen festen Platz: „Die Stunde ist fest im Stundenplan verankert und wir tauschen uns zum Beispiel über die Unterrichtsplanung aus”, erläutert Sigrid Langberg. So werden Querverbindungen zwischen den Fächern schnell gesehen und die Absprachen mit den Erzieher:innen sind eng, wenn zum Beispiel ein Projekt draußen geplant wird.

Gleichzeitig liefert die Einbindung der Erzieher:innen die Grundlage dafür, dass Inhalte aus dem Unterricht in der ergänzenden Förderung und Betreuung  aufgegriffen werden. „Im eFöB-Bereich gestaltet sich das Lernen weniger fachlich, das ist dann eher soziales Lernen oder man schaut, wie das dann noch mehr in die Lebenswelt der Kinder passt. Kinder spielen gerne und erfassen da Dinge auch etwas anders. Wir haben zum Beispiel eine Schach AG, die wir zweimal in der Woche gestalten. Bei vielen Brettspielen wird gezählt und Mengenerfassung ist wichtig, das funktioniert gerade für die Kleinen gut”, erklärt Nikos Strehl, Facherzieher im eFöB-Bereich der Grundschule.

DKJS/ Katharina Zink

Die Klassenteam-Stunde sei nicht zuletzt wichtig, um die Kinder den ganzen Tag im Blick zu haben, hebt Schulleiterin Tamara Adamzik hervor. Neben diesen Stunden ist die Zusammenarbeit aller Bereiche in der Grundschule in verschiedener Hinsicht etabliert. Die Schulleitung und die koordinierenden Erzieher:innen für den eFöB-Bereich sitzen in einem Raum, die Wege sind kurz. In regelmäßigen Sitzungen werden aktuelle Themen besprochen, die über die Dienstbesprechungen in den eFöB-Bereich weitergegeben werden. In der paritätisch besetzten ESL (erweiterten Schulleitung) geht es zusätzlich um Vernetzung und Themen, die die Weiterentwicklung der Ganztagsschule betreffen. Um das gesamte Kollegium – pädagogisches Fachpersonal und alle Mitarbeitenden an der Grundschule – auf dem aktuellen Stand zu halten, wird von der Schulleitung montags ein Newsletter versendet, der die wichtigsten Informationen für die Woche zusammenfasst.

„Hospitationen im eigenen Kollegium und an anderen Schulen helfen sehr, um Inspiration zu bekommen und auch einen Realitätsabgleich zu machen: Wie funktioniert denn so eine Eulenstunde? Und was heißt das im Alltag?”

Tamara Adamzik
Schulleiterin

Triebfedern für die mathematische Bildung

Für das breite Verständnis von mathematischer Bildung und die Verankerung des Schwerpunkts war die Bewerbung für das Siegel “MINT-freundliche Schule” eine wichtige Etappe. „Das war definitiv ein Meilenstein, als wir uns das erste Mal als MINT-freundliche Schule beworben haben und überhaupt unsere Erfolge gesammelt haben“, betont die Schulleiterin. Die Bewerbung wurde erfolgreich abgeschlossen, seit 2014 trägt die Grundschule das Siegel. Zusätzlich ist die Annedore-Leber-Grundschule auch BegaKursSchule, ein Begabtenprogramm des Berliner Senats. „Das hat uns zusätzliche Möglichkeiten gegeben, den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich und Angebote wie Wahlpflichtfächer (WUV) und AGs anders auszupolstern. Denn gerade alles, was mit Computern und Technik zu tun hat, ist leider oft sehr kostenintensiv“, erklärt Schulleiterin Tamara Adamzik.

Ein wesentliches Element sind auch die schulinternen Fortbildungen (SchiLF), die von Kolleg:innen durchgeführt werden, die auch an der Berliner „iMINT-Akademie Grundschule” eingebunden sind. Sie bringen immer wieder neue Impulse und Ideen ein, nicht zuletzt die Themenkisten als Konzept und die dazugehörigen Materialien. „Dadurch konnten wir von Anfang an die Fortbildungen sehr niedrigschwellig anbieten und es hat sich ein Schneeballprinzip eingestellt”, sagt Tamara Adamzik, selbst Mathematiklehrerin. Mittlerweile werden alle Mathematiklehrkräfte mit „Mathe wirksam fördern” und einer SchiLF zum Arbeiten mit Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) fortgebildet.

Um mit den Mathe-Themenkisten fokussiert arbeiten zu können, wurde die „Mathewerkstatt” eingerichtet. Hier sind alle Materialien griffbereit und können von allen Klassen genutzt werden. Die Lernumgebungen und Materialien werden in Fachkonferenzen und an Studientagen vom Fachkollegium weiterentwickelt und ergänzt. Um die Kooperation und den Erfahrungsaustausch im Kollegium weiter zu stärken, hospitieren die Lehrkräfte innerhalb der eigenen Schule. „Hospitationen im eigenen Kollegium und an anderen Schulen helfen sehr, um Inspiration zu bekommen und auch einen Realitätsabgleich zu machen: Wie funktioniert denn so eine Eulenstunde? Und was heißt das im Alltag?”, empfiehlt Tamara Adamzik.

Auch wenn schon viel geschafft ist, will die Annedore-Leber-Grundschule ihren MINT-Bereich weiter ausbauen und die mathematische Bildung gezielt fördern. Ein nächster Schritt ist eine Fachkonferenz des Mathematik-Kollegiums, in der das bestehende Material sortiert werden soll, eine komplett neue Themenkiste ist auch schon in Planung. Dort und im jährlichen Hospitationsmonat März, sowie den schulinternen Fortbildungen wird es darum gehen, mathematische Kompetenzen breit und lebensweltnah zu vermitteln.

Genauso bleibt es wichtig, die Verzahnung von Regelunterricht und eFöB-Bereich sicherzustellen. So soll beispielsweise in den nächsten Monaten eine Software eingeführt werden, in der die An- und Abwesenheit dokumentiert wird. In einem digitalen Logbuch kann das gesamte Kollegium sehen, woran die Kinder teilgenommen haben. Für Schulleiterin Adamzik ist das ein wichtiger Schritt: „Das ist eine gute Kommunikationsmöglichkeit, von der wir uns viel Arbeitserleichterung erhoffen. Denn Ganztagsbildung funktioniert nur, wenn die unterschiedlichen Bereiche aneinander anknüpfen und voneinander Bescheid wissen.“

Schulporträt veröffentlicht im Jahr 2024.

1 MINT ist ein Akronym und steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik.

Die Grundschule in Berlin-Lichtenrade ist seit 2014 MINT-freundliche Schule, außerdem seit 2019 inklusive Schwerpunktschule und BegaKursSchule. Unter dem Motto „Eine Schule für alle“ lernen Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen miteinander.

Details zur Annedore-Leber-Grundschule

Schulform Grundschule
offene / teilgebundene / gebundene Ganztagsschule offene Ganztagsschule
Schüler:innen 650
Lehrkräfte 68
Erzieher:innen 30 (davon 6 Facherzieher:innen)
Weitere Fachkräfte (z. B. Schulsozialarbeit)
3 Schulsozialarbeiter:innen
2 Schulhelfer:innen
3 pädagogische Unterrichtshilfen

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