Gottfried-Keller-Gymnasium

„Wir wollen unseren Schüler:innen einen gesunden Raum bieten“

DKJS/ Katharina Zink

Ein gesundes Schulklima und die Förderung der Eigenständigkeit der Schüler:innen – das steht am Gottfried-Keller-Gymnasium in Berlin-Charlottenburg im Mittelpunkt. Um das zu erreichen, greifen unterschiedliche über den Ganztag finanzierte Bildungselemente ineinander.

Ein Schulporträt von Katharina Zink

Selbstorganisiertes Lernen, Aktion „Saubere Schule“, Berufliche Orientierung, Fitnessraum, Leseinsel, Schüler:innen-Coaching, Demokratiebildung, Wandertage mit sozialem Lernen, und noch vieles mehr – die Liste der Bildungselemente am Charlottenburger Gottfried-Keller-Gymnasium ist lang und verändert sich von Schuljahr zu Schuljahr. Das Gymnasium wurde 2010/11 eine gebundene Ganztagsschule und ist damit das einzige Gymnasium im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf in dieser Schulform.1 Eine Besonderheit sind die beiden Profilklassen, in denen sich Schüler:innen entweder auf Sport oder ein Blasinstrument spezialisieren können und dafür gezielt Unterricht erhalten. Die Umstellung auf den gebundenen Ganztag öffnete den Raum für weitere Angebote, um die Schulgemeinschaft zu stärken und die Schüler:innen zu fördern.

Viele unterschiedliche Aufenthaltsräume wie die „Mediothek“, ein Fitnessraum, der Schulclub, ein Entspannungsraum, die Bibliothek und der Außenbereich der Schule richten sich seitdem an den unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessen der Schüler:innen aus. Das Mittagsband wurde auf eine Pausenzeit von 65 Minuten ausgedehnt, sodass diese Räume auch in der Mitte des Schultags genutzt werden können und möglichst viel Erholung ermöglichen. Darüber hinaus stehen die Räume in Freistunden und auch nach Schulende ab 16 Uhr allen Jugendlichen zur Verfügung.

Neben einem breiten Angebot an AGs, die für die 7. und 8. Klasse Pflicht sind, haben sich aus der Ganztags-Steuergruppe heraus und durch Initiativen im Kollegium viele weitere Bildungselemente entwickelt. Sebastian Dannischewski beschreibt den Ansatz des Gymnasiums, das in einem herausforderndem Sozialraum liegt: „Wir wollen unseren Schüler:innen hier einen gesunden Raum bieten, in dem sie sowohl Kompetenzen als auch ein hohes Maß an Selbstwirksamkeit und Eigenständigkeit entwickeln können.“ Gemeinsam mit Kolleg:innen in der Steuergruppe und in der erweiterten Schulleitung treibt er die Weiterentwicklung des Ganztags seit Jahren engagiert voran. Und über die Jahre hat sich ein gemeinschaftliches Miteinander entwickelt, das  Schulklima wird von Schülerschaft und    Kollegium in allen Evaluationen sehr positiv bewertet.

Multiprofessionelle Begleitung durch Klassenteams

Ein Faktor für das gute Schulklima ist die Verzahnung von Schulsozialpädagogik und Fachunterricht: Um die Schulsozialpädagog:innen in den gesamten Schulalltag eng einzubinden, werden die Klassen von Klassenteams geleitet. Diese Teams bestehen aus der Klassenleitung, der stellvertretenden Klassenleitung und einer Kollegin oder einem Kollegen der Schulsozialpädagogik, die alle gleichberechtigt sind und ohne Hierarchie zusammenarbeiten. „Klar war, Sozialpädagog:innen sollen in die Klassen mit rein als Ergänzung, damit unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Die Schulsozialarbeit sollte kein externes Instrument sein“, erinnert sich Schulsozialpädagoge Gabriel Dube, der ebenfalls seit vielen Jahren engagiert an der Entwicklung dieser Ganztagsschule mitwirkt.

Das Klassenteam bespricht sich jede Woche und lädt dazu bei Bedarf auch Eltern oder Schüler:innen ein. „Wir setzen uns ständig gegenseitig in Kenntnis, wenn zum Beispiel Fragen von Erziehungsberechtigten auftauchen oder sowas, und wir sprechen uns bei pädagogischen Entscheidungen ab. Und aus Sicht der Schüler:innen ist es besser, weil sie je nach Situation verschiedene Ansprechpartneri:nnen haben. Man ist nicht einem ausgeliefert“, beschreibt Sebastian Dannischewski, selbst Klassenleiter, die Vorteile. „Das Ziel ist immer, dass man nicht nur reagiert, sondern auch schon im Vorfeld merkt, wenn etwas aus dem Ruder läuft und man gegensteuern muss“, ergänzt Gabriel Dube. Die Zusammenarbeit von Lehrkräften und Schulsozialpädagogik ist durch die Klassenteams institutionalisiert. Auch Holger Achterberg, verantwortlich für das Sport-Profil, schätzt die enge Zusammenarbeit mit den Schulsozialpädagog:innen: „Die großen Klassen mit 30 bis 32 Kindern sind vor allem in den siebten Jahrgängen ein Fallstrick, wenn das Probejahr dazu kommt und wir Entscheidungen für oder gegen Schüler:innen treffen müssen. Da sind wir glücklich, wenn ein Schulsozialpädagoge dabei ist, der einen ganz anderen Blick auf die Schüler:innen hat.“

„Die Studienzeiten helfen. Da kann man Hausaufgaben machen und es sind Lehrer da, die man fragen kann, wenn man Hilfe braucht. Es ist machbar, die Hausaufgaben mit der Ganztagsschule zu schaffen.“

Nassiria
elfte Klasse

Eigenständiges Lernen in den Studienzeiten

Ein wichtiger Baustein des Ganztagskonzepts am GKG sind die Studienzeiten, in denen die Jugendlichen ihre Hausaufgaben erledigen und an anderen unterrichtsbezogenen Fragestellungen arbeiten können. Ziel ist es, dass sie selbstorganisiert lernen und nach dem Schultag wirklich frei haben. Für Nassiria funktioniert das ganz gut: „Die Studienzeiten helfen“, findet die Elftklässlerin. „Da kann man Hausaufgaben machen und es sind Lehrer da, die man fragen kann, wenn man Hilfe braucht. Es ist machbar, die Hausaufgaben mit der Ganztagsschule zu schaffen.“

Die Studienzeiten sind gerade für die jüngeren Jahrgänge deutlich in Phasen mit Stillarbeit und Partner- und Gruppenarbeit eingeteilt. „Die Schüler:innen kennen das Konzept, die Hausaufgaben in der Schule zu machen, aus der Grundschule meistens nicht. Und sich darauf einzulassen, die Aufgaben auch wirklich zu machen und zu wissen, was ist wichtiger und wann muss ich was machen – das ist gar nicht so einfach. Aber spätestens ab der Neunten können sie es dann“, erklärt Gabriel Dube, der als Schulsozialpädagoge genauso wie die Lehrkräfte die Betreuung der Studienzeiten übernimmt. Bei der Selbstorganisation hilft ein Studienzeitenbuch, in dem die Schüler:innen nicht nur ihre Aufgaben festhalten, sondern auch was sie wann erledigen möchten.

DKJS/ Katharina Zink

Trotzdem sieht das Kollegium noch Verbesserungsbedarf: „Die Studienzeit ist eine Dauerbaustelle. Wir haben da schon viel probiert und viel verworfen“, erzählt Sebastian Dannischewski. Zum Beispiel können die zehnten Klassen seit diesem Schuljahr frei entscheiden, was sie mit diesen Stunden machen. Die Studienzeiten sind als Doppelstunden organisiert, um noch mehr Flexibilität zu bieten. „Die meisten nutzen die Zeit im Moment als Ausgleich oder als längere Mittagspause. Und sie merken selbst, dass sie mehr zu Hause machen müssen, wenn sie in der Studienzeit entspannen. In der Oberstufe müssen sie sich ihre Zeit selbst einteilen und wir wollen, dass sie das vorher schon lernen“, beschreibt Gabriel Dube.

Daneben wurden auch die Arbeitsphasen innerhalb der Studienzeiten immer wieder angepasst und mit Arbeitsplätzen außerhalb der Klassenräume experimentiert. Und schon länger steht die Überlegung im Raum, wie man die Studienzeiten in Lernbüros organisieren kann. „Wir haben schon viele Ideen entwickelt, die aber leider immer wieder an der Realität scheitern. Raum- und Personalmangel erschweren es uns, die Betreuung mit Beratung und Lernbüros anzubieten“, erklärt die Mittelstufenkoordinatorin Florence Däbel, die für die AGs und die Bläserklassen verantwortlich ist.

DKJS/ Katharina Zink

Individuelle Unterstützung durch Coachings

Ein besonderes Unterstützungsangebot für die Schüler:innen sind individuelle Coachings, die mittlerweile seit sieben Jahren von Gabriel Dube und vier Lehrer:innen angeboten werden. „Wir haben festgestellt, dass es zwar für die Schüler:innen mit Problemen im Unterricht Lernförderung gibt. Aber bei vielen merkt man, dass sie auch bei anderen Themen ein bisschen aus der Bahn sind“, erklärt er. Er hat ein vergleichbares Konzept im Austausch mit einer anderen Schule kennengelernt und die Idee am GKG eingebracht. Diese Schule hatte erzählt, dass dort mit dem Coaching-Angebot die Abbrecherquote gesunken sei. „Das sind meistens die, die in ihrer Schullaufbahn irgendwann einen Bruch erleben und diesen Bruch zu kitten, das war eine Idee bei diesem Angebot.“

In der Regel treffen sich Coach und Schüler:in einmal wöchentlich 30 bis 50 Minuten lang. Gerade in den unteren Jahrgängen geht es häufig um die Selbstorganisation und darum, das Lernpensum zu schaffen und an der Schule zurechtzukommen. Dann werden gemeinsam Ziele erarbeitet und Schritte festgelegt, um diese Ziele zu erreichen. In den höheren Jahrgängen werden die Fragestellungen häufig größer, hat Gabriel Dube beobachtet: „Was mache ich mit meinem Leben?, ist dann oft die Frage. Die Anforderungskurve geht an einem Gymnasium immer steil nach oben und die Schüler:innen erleben es oft als Hamsterrad. Irgendwann schwächeln sie dann, weil sie nicht wissen, wie sie mit den Anforderungen umgehen sollen und sich fragen, wohin sie überhaupt in ihrem Leben wollen.“

Pro Schuljahr nehmen etwa 20 bis 30 Schüler:innen das Angebot wahr. Meistens arbeiten Coach und Coachee zwei bis drei Monate zusammen, die Termine werden individuell in den Pausenzeiten oder nach 16 Uhr verabredet. Bei Herausforderungen rund um das selbstorganisierte Lernen helfen den Schüler:innen oft schon wenige Coachings dabei, sich selbst zu strukturieren. „Manche haben aber auch psychische Belastungen, bei denen sie jemanden brauchen, mit dem sie reden können und der hilft, ihre Fragen einzuordnen. Das kann dann länger dauern“, so Gabriel Dube. Um einen bewertungsfreien, sicheren Raum zu schaffen, werden die Schüler:innen Lehrkräften und Sozialpädagog:innen zugeordnet, denen sie nicht in den Klassen und im regulären Unterrichtsbetrieb begegnen.

Schüler:innenbeteiligung im Open Space

Die Schüler:innen haben die Möglichkeit, die Schule mitzugestalten. Zum Beispiel findet einmal in der Woche nach der Schule um 16 Uhr der „Open Space“ statt. An dem Treffen können alle Schüler:innen der Ganztagsschule teilnehmen. Organisiert wird der Open Space vom Schülersprecher:innen-Team, zu dem auch Nassiria und Tristan gehören. Jede:r kann Themen und Ideen mitbringen, Fragen stellen und Feedback geben: „Wir vertreten ja die Interessen von allen anderen und wollen wissen, ob wir die richtigen Sachen machen“, erklärt Neuntklässler Tristan. Gerade wird beispielsweise der Winterball geplant, den die Schülervertretung organisiert. Im Open Space werden die Details diskutiert und Ideen gesammelt.

Ein größeres Projekt ist die Anschaffung eines zweiten Wasserspenders. Der, den es schon gibt, ist nicht für alle gleich gut zu erreichen und es wird ein weiterer Standort gesucht. Im Open Space werden der aktuelle Stand besprochen und Ideen für die Finanzierung gesammelt. „Diesen Donnerstag wollen wir uns mit unserem Schularchitekten zusammensetzen, um zu sehen, wo man so einen Wasserspender einbauen kann. Mit den anderen wollen wir diskutieren, ob es vielleicht eine Spendenaktion geben kann oder etwas anderes“, erzählt Nassiria.

Meistens sind etwa zehn Schüler:innen bei den Open Spaces dabei, zu dem alle regelmäßig über ihre Klassensprecher:innen eingeladen werden. Außerdem wird das Treffen auf dem Vertretungsplan vermerkt, damit auch jede:r weiß, wann und wo es stattfindet.

„Aus Kollegiumssicht hat man hier das Gefühl, man kann seinen Arbeitsplatz sehr stark mitgestalten“

Sebastian Dannischewski
Mitglied der erweiterten Schulleitung

Raum für Eigeninitiative im Stellwerk

Ähnlich wie die Schüler:innen arbeitet auch das Kollegium regelmäßig in einem Open Space-Format zusammen. Um die Blickwinkel aller einzubinden, werden zum sogenannten „Stellwerk“ auch Schüler:innen und Sorgeberechtigte eingeladen. Das Format ist auch für das Kollegium freiwillig, meistens kommt so etwa die Hälfte aller Lehrkräfte und Sozialpädagog:innen zusammen. Mehrmals pro Jahr können hier Ideen und Fragen zur Schul- und Ganztagsentwicklung vorgestellt und in Arbeitsgruppen diskutiert werden.

Das Coaching-Angebot ist beispielsweise aus einer Stellwerk-Arbeitsgruppe entstanden. Und auch die Idee, die Wandertage anders auszurichten, wurde hier entwickelt: Ein Wandertag pro Jahr widmet sich seitdem Themen, die in einer Art Curriculum vorgegeben werden. Je nach Jahrgang wählt das Klassenteam aus Themen wie Anti-Rassismus, Cyber-Mobbing oder Suchtprävention den Schwerpunkt für den Wandertag aus.

„Themen, die angepackt werden, kommen dann in die Gremien und werden in der Schulkonferenz abgestimmt. Manche Themen sterben aber auch, zum Beispiel die Überarbeitung des Betriebspraktikums in der neunten Jahrgangsstufe. Das heißt nicht, dass wir das nicht noch angehen. Aber zur Zeit treibt das Thema keiner voran“, erzählt Sebastian Dannischewski. Viele Veränderungen werden aus der Mitte des Kollegiums heraus angestoßen und nicht von der Schulleitung vorgegeben. Diese partizipative Schulkultur war Schulleiter Uwe Kany und seinem erweiterten Schulleitungsteam von Beginn an wichtig. „Aus Kollegiumssicht hat man hier das Gefühl, man kann seinen Arbeitsplatz sehr stark mitgestalten“, findet auch Sebastian Dannischewski.

Eine gemeinsame Initiative von Schüler:innen und Kollegium ist das Verbot von Plastikverpackungen an der Schule. Die Idee entstand im Open Space der Schüler:innen und wurde dann auch im Stellwerk eingebracht und weiterentwickelt. Die Initiative sorgte in allen Gremien für Diskussionen, fand am Ende aber viel Unterstützung und seit diesem Schuljahr entsteht so deutlich weniger Plastikmüll am GKG. Auch diese Initiative sorgt dafür, dass sich Nassiria am Gottfried-Keller-Gymnasium wohlfühlt: „Ich finde es gut, dass wir eine nachhaltige Schule sind und hier so viele verschiedene Sachen machen können.“ Diese Bandbreite der partizipativen Möglichkeiten, sowohl für Schüler:innen als auch für Lehrkräfte und Sozialpädagoge:innen, macht die Schulkultur am Gottfried-Keller-Gymnasium aus – und bringt immer wieder innovative Bildungselemente für den Ganztag hervor.

Schulporträt veröffentlicht im Jahr 2023.

1 Berlinweit gibt es sieben gebundene Ganztagsgymnasien (Stand 2023).

Das Gottfried-Keller-Gymnasium ist das einzige gebundene Ganztagsgymnasium im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Das Gymnasium bietet je eine Profilklasse für Sport oder Blasinstrumente an.

Details zum Gottfried-Keller-Gymnasium

Schulform Gymnasium
offene / teilgebundene / gebundene Ganztagsschule gebundene Ganztagsschule
Schüler:innen ca. 750
Lehrkräfte 76
Schulsozialarbeiter:innen 4

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