Wie haben Sie dieses Konzept der multiprofessionellen Kooperation eingeführt?
Richter: Wir haben am Anfang sehr viel Zeit in die Personalakquise investiert und deutlich gesagt, wir bauen eine neue Schule auf, da erwarten wir mehr als 100 Prozent. Das ist natürlich ein Privileg, gar keine Frage. Von Anfang an war klar, dass alle zum Team dazugehören, dass wir auf Augenhöhe mit demselben Ziel zusammenarbeiten. Jeder hat in irgendeiner Art und Weise eine Expertise, die er einbringen kann und die gehört werden muss. Jeder hat die Möglichkeit, einen Bereich zu finden, den er verantworten und gestalten kann. Je mehr Kolleg:innen dazukommen, desto wichtiger ist es, das gemeinsame Ziel in den Mittelpunkt zu stellen und die persönlichen Befindlichkeiten dem nachzuordnen.
Grübe: Beim Vorstellungsgespräch hast du, Guido, gesagt, „Ich will Schule anders machen“. Das war für mich ein Zeichen, hier könnte etwas anderes funktionieren. Die Vision, dass alle Kolleg:innen, die an der Schule arbeiten, etwas beizutragen haben, hat mich sehr angesprochen.
Was sind die Bedenken, die solche multiprofessionellen Kooperationen behindern?
Richter: Kolleg:innen, die von anderen Schulen dazugekommen sind, haben den Vormittags- und den Nachmittagsbereich klar getrennt gesehen. Sie haben sich nicht getraut, diese Grenze zu überschreiten, auch aus Angst, jemand anderem auf die Füße zu treten. Das rauszukriegen war ein ganzes Stück Arbeit. Inzwischen läuft das gut, die Kolleg:innen haben angefangen, sich mehr zu vernetzen.
Grübe: Eine Lehrerin bei uns überlässt beispielsweise die Leitung des Klassenrats komplett dem Erzieher. Es ist genau sein Ding, also begleitet sie ihn dabei, statt darauf zu bestehen, dass es ihre Stunde ist.
Richter: Wir mussten lange daran arbeiten, bei den Kolleg:innen die Neugier wieder zu wecken, dass man etwas ausprobieren und auch mal Fehler machen darf. Relativ freie Hand zu haben war für viele, die von anderen Schulen gekommen sind, sehr ungewohnt. Die kannten das nicht, dass die Schulleitung sich hinter sie stellt, auch wenn es mal nicht so gut läuft. Dass beispielsweise eine Lehrerin, die eine Idee zu einem Projekt hat, sich einen Erzieher dazuholen kann, um das umzusetzen. Oder dass eine Lehrerin auch am Nachmittag aktiv werden und da bei einem Projekt mitmachen kann.