Rosa-Parks-Grundschule

„Die Kinder wissen, wie ihre optimalen Lernbedingungen aussehen“

DKJS/ Katharina Zink

An der Kreuzberger Rosa-Parks-Grundschule wird Partizipation großgeschrieben. In ihrer Vision für das Jahr 2032 zeigt sie, wie aus Projekten und Initiativen eine Ganztagsschule wird, in der Schüler:innen jeden Tag mitgestalten.

Ein Interview von Katharina Zink mit dem Schulleiter Holger Hänel.

Wie kommen an einer Grundschule alle Kinder an wichtige Informationen? Und welche Informationen sind überhaupt relevant? Diese Gedanken machen sich zurzeit Carme, Paula, Tom und Amir. Sie sind im Schüler:innenparlament der Rosa-Parks-Grundschule in Berlin-Kreuzberg und kümmern sich stellvertretend für ihre Klassen darum, dass die Wünsche der Schüler:innen ihren Weg in den Schulalltag finden.

Um ihre Mitschüler:innen zu erreichen, wollen sie eine große, weiße Magnettafel in der Mensa nutzen: „Damit alle wissen, wann Projekttage oder Aktionen sind. Oder was es zum Essen in der Mensa gibt“, erzählt Carme. „Wir sollten aushängen, wann Ferien sind“, ergänzt Tom. „Das steht doch in den Elternbriefen, die unsere Lehrerinnen an unsere Eltern geben“, wirft Amir ein. „Das wissen trotzdem nicht alle“, entgegnet Paula.

Das Aushandeln und Abwägen gehört im Schüler:innenparlament dazu. Alle zwei Wochen treffen sich 36 Schüler:innen für zwei Stunden. Sie sind die Klassensprecher:innen ihrer Klassen und bringen die Anliegen ihrer Mitschüler:innen ein.

„Wir besprechen alles, jeder sagt seine Meinung und dann überlegen wir gemeinsam, was die beste Lösung wäre oder wie man ein Problem loswerden kann“, erklärt Paula. „Eigentlich ergibt sich die Lösung meistens von selbst, weil wir alles besprechen und alles durchgehen.“

„Die Schüler:innen lernen ihre Meinung einzubringen. Sie erfahren, dass es gewünscht ist, herauszufinden, wie man die Schule positiv für ihr Lernen verändern kann“

Tatjana Schulz
Schulsozialarbeiterin

Partizipation als Leitmotiv

Hinter dem Schüler:innenparlament steht der Anspruch der gebundenen Ganztagsschule, Schüler:innen mehr teilhaben zu lassen. Die Rosa-Parks-Grundschule wurde im August 2012 als Fusion aus zwei Schulen gegründet und hat in den letzten Jahren immer mehr Formate gefunden, um die Schulgemeinschaft an der Grundschule einzubinden. „Wenn Schülerinnen und Schüler zu wenig gefragt werden und zu wenig Mitwirkungsmöglichkeiten haben, ist das demotivierend“, ist sich Schulleiter Holger Hänel sicher. „Wenn man sich mit Schulentwicklung beschäftigt, gehören Schülerinnen und Schüler natürlich dazu.“

Die Gesamtschüler:innenvertretung heißt deshalb mittlerweile Schüler:innenparlament und kommt statt zweimal pro Jahr zweimal im Monat zusammen. In den letzten Jahren hat sie unter anderem eine Unterrichtsstunde zum Thema Diskriminierung entwickelt, eine Stopp-Regel für Konfliktsituationen eingeführt oder entschieden, dass der Erlös des jährlichen Spendenlaufs Obdachlosen zugutekommen soll.

„Die Schülerinnen und Schüler lernen ihre Meinung einzubringen. Sie lernen, dass es wichtig ist, ihre Meinung zu sagen und auch zu begründen und ihre Interessen einzubringen. Sie erfahren, dass es gewünscht ist, herauszufinden, wie man die Schule positiv für ihr Lernen verändern kann“, fasst Tatjana Schulz die Arbeit zusammen. Sie ist seit 2007 Schulsozialarbeiterin am Standort der Rosa Parks-Grundschule, vor 2012 war sie an der Vorgängerschule beschäftigt. Sie begleitet das Schüler:innenpalament, moderiert und hilft dabei, die Änderungswünsche in den Schulalltag einzubringen.

DKJS/ Katharina Zink

Eine Vision für 2032

Im August 2022 wird die Rosa-Parks-Grundschule zehn Jahre alt. Zum Jubiläum arbeiten Schüler:innen, Pädagog:innen, Eltern und Schulleitung an der Vision der Grundschule. Im von Schulleiter Holger Hänel initiierten Future Forum und an einem Studientag erarbeiten sie, was die Grundschule zum 20-jährigen Bestehen im Jahr 2032 ausmachen soll.

„In meiner Auffassung heißt das, dass die Kinder unterrichts-organisatorisch viel mehr Räume kriegen, um an selbstgewählten Themen zu arbeiten. Wir haben zum Beispiel in der sechsten Klasse einen Hausaufgabentag. In meiner Vorstellung soll der sich zu einem Talente-Tag entwickeln, an dem die Kinder sich nicht auf die Klassenarbeiten vorbereiten, sondern an dem sie mit ihren eigenen Themen und Talenten arbeiten und das in den Schulalltag integrieren können“, erklärt Holger Hänel.

Die Frage, wie ihre Schule in Zukunft aussehen soll, wurde auch ins Schüler:innenparlament gegeben. Die Wünsche und Ideen kann man mit einer Überschrift zusammenfassen: Partizipation.

„Die Schülerinnen und Schüler haben eine Vision zu optimalem Lernen entwickelt. Ein Inhalt war Elektronik und Technik, das fehlt hier in der Grundschule, oder auch Musikinstrumente zu lernen. Ein Wunsch ist auch, mehr in kleinen Gruppen zu lernen. Die Kinder wissen, wie ihre optimalen Lernbedingungen aussehen“, weiß Tatjana Schulz.

Von Projekten zur Verstetigung

Wie Partizipation gelingt, zeigen viele Projekte der letzten Jahre: Unter anderem wurde der Eingangsbereich gemeinsam mit dem Architekturbüro Bauereignis neu gestaltet, Schüler:innen haben ein Orientierungssystem mit Bushalteschildern entwickelt und zwei Klassenräume umgebaut.

Die Namensgeberin der Schule, die sich nicht nur einen Platz im Bus erkämpfte, sondern auch die Bürgerrechtsbewegung in den USA prägte, liefert auch den Grundschüler:innen Inspiration. Rosa Parks würde Carme bestimmt nicht widersprechen, die über ihre Arbeit im Schüler:innenparlament sagt: „Wir wollen dafür sorgen, dass es genug Gerechtigkeit und Gleichberechtigung in der Schule gibt.“

Um sich der Gleichberechtigung anzunähern, geht es nun darum, eine kontinuierliche Beteiligung der Schüler:innen zu entwickeln: „Wir wollen gerne sukzessive, dass Kinder auch im Alltag viel mehr mitbestimmen können. Das ist der Bogen in die Zukunft, den wir gerne schlagen möchten“, beschreibt Holger Hänel.

DKJS/ Katharina Zink

Initiativen aus dem Kollegium

In der partizipations-orientierten Schulentwicklung ist es entscheidend, das gesamte Kollegium ins Boot zu holen. Als Schulleiter sieht Holger Hänel seine Aufgabe darin, zu moderieren und immer wieder neue Perspektiven zu eröffnen. „Ich will nicht den Eindruck erwecken, dass ich alles vorgebe, sondern auch sehen, was da kommt und Kolleg:innen fördern“, sagt er.

Das Kollegium umfasst an der Rosa-Parks-Grundschule 49 Lehrkräfte und 34 Erzieher:innen sowie eine Schulsozialarbeiterin. „Wir versuchen immer, Ganztagsschule als Konzept komplett zu denken. Unsere Erzieherinnen und Erzieher sind überall eingebunden“, erklärt der Schulleiter. Neben den Klassenkonferenzen sind sie auch bei Fortbildungen und Projekten zu Themen wie Kinderschutz oder Anti-Diskriminierung dabei.

Eine AG beschäftigt sich mit Anti-Diskriminierung und sorgt schon seit längerem für mehr Teilhabe und Partizipation. Mittlerweile gibt es spezifische Fortbildungen, die für alle neuen Pädagog:innen verbindlich sind. Die AG nimmt die Elternarbeit, das Zusammenwirken von Diskriminierung und Sprache und Interventionen bei Diskriminierung im Kollegium in den Blick. Als nächster Schritt ist geplant, ein Beschwerdemanagement einzuführen.

Eine andere Gruppe im Kollegium setzt sich mit dem Feedback für Schüler:innen auseinander. Der AG Feedback geht es darum, die Kinder ins Zentrum des Rückmeldeprozesses zu setzen und ihnen Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übertragen. Das bedeutet, nicht wie bisher nur mit den Eltern über die Lernstandserhebungen zu sprechen. Dafür beschäftigt sich die AG mit Konzepten, die sich an anderen Schulen schon bewährt haben. Bisher gibt es mit den Lernräten zwar schon einen Ansatz, in dem sich Schüler:innen individuelle Unterstützung für ihren Lernprozess holen können – das wird aber nur punktuell genutzt. Mit Logbüchern oder Portfolios sollen zukünftig alle Kinder darin unterstützt werden, sich eigene Lernziele zu setzen und daran zu arbeiten.

„Ich verstehe das Verhältnis von Eltern und uns in der Schule als Bildungspartnerschaft. Die Eltern haben ein Recht, auf allen Ebenen dazuzukommen und Nachfragen zu stellen“

Holger Hänel
Schulleiter

Engagement der Eltern

Im Zuge der Schulentwicklung werden auch Eltern an der Rosa-Parks-Grundschule immer mehr eingebunden. Sie sind im Future Forum und bei Studientagen dabei und sollen zukünftig eine noch größere Rolle spielen: „Ich verstehe das Verhältnis von Eltern und uns in der Schule als Bildungspartnerschaft. Die Eltern haben ein Recht, auf allen Ebenen dazuzukommen und Nachfragen zu stellen“, sagt Holger Hänel.

Dabei geht es auch darum, das Engagement der Eltern einzubinden, in manchen Bereichen kennen sie sich besser aus als die Pädagog:innen. Bei Fragen rund um die Digitalisierung der Grundschule haben Eltern dabei geholfen, Mailinglisten einzurichten oder dafür zu sorgen, dass Videokonferenzen reibungslos funktionieren. Andere Eltern geben ihr Wissen in Workshops an die Schüler:innen weiter, zum Beispiel haben sich eine Grafikerin und ein Musiker zusammengetan, um mit einer fünften Klasse fiktive Konzertplakate zu gestalten.

Die Elternarbeit ist damit ein weiterer Baustein, der den Anspruch der Partizipation auf allen Ebenen einlöst. Schüler:innen, Pädagog:innen, Eltern, Kooperationspartner – sie alle helfen mit, die Vision der Rosa-Parks-Grundschule umzusetzen und zu leben.

Schulporträt veröffentlicht im Jahr 2022.

Die Rosa-Park-Grundschule in Berlin-Kreuzberg wurde 2012 durch die Zusammenlegung zweier Schulen gegründet, der Niederlausitz-Grundschule und der Paul-Dohrmann-Schule (ehemals Sonderpädagogisches Förderzentrum).

Details zur Rosa-Parks-Grundschule

Schulform Grundschule
offene / teilgebundene / gebundene Ganztagsschule gebundene Ganztagsgrundschule
Schüler:innen 638
Lehrkräfte 49
Erzieher:innen 34
Schulsozialarbeiter:innen 1

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