In der Grundschule Schleizer Straße im Berliner Stadtteil Lichtenberg findet jeden Mittwoch Projektarbeit statt Unterricht statt – ohne dass Stunden wegfallen oder zusätzliche entstehen. Der „Kulturtag“ bringt die ganze Schule zusammen, Schüler:innen ebenso wie das pädagogische Team.

Ein Schulporträt von Wibke Bergemann

Immer mittwochs ist Kulturtag in der Grundschule Schleizer Straße. Dann wird klassen- und jahrgangsübergreifend an verschiedenen Projekten gearbeitet. Unten, im großen Mehrzweckraum werden dazu die Tische zur Seite geschoben, an denen die Schüler:innen sonst zu Mittag essen. Hier stellen sich die Kinder auf und tanzen mit ihrer Erzieherin, zum Beispiel einen Blumentanz: Ganz langsam heben sie die Arme und öffnen sie wie Blütenblätter auf einer sommerlichen Blumenwiese. „Das ist das erste Mal, das ich sowas mache“, sagt ein Mädchen begeistert.

In den anderen Räumen wird gemalt, gebastelt, gesungen. Kinder üben an Instrumenten, bereiten ein Theaterstück vor oder schreiben kurze Gedichte, die sie auf bunt bemalte Blätter kleben. In einem Projekt geht es darum, sich selbst künstlerisch vorzustellen: Welche Sprachen spreche ich? Wen mag ich? Was ist mein Lieblingsessen? „Ich habe meinen Lieblingstraum gemalt. Das hat mir am besten gefallen“, erzählt ein Erstklässler: „Ich mag den Kulturtag.“

Nach acht Wochen werden die Ergebnisse vorgeführt, mit einer Aufführung, einem Konzert oder einer Ausstellung. So lernen die Kinder auch, wie man etwa Plakate gestaltet oder wie man präsentiert. Die Lehrerin Ute Sternberg lächelt: „Über Kunst, Musik und Sport kriegt man alle Kinder zum Lernen.“

„In den Besprechungen zur Vorbereitung müssen wir ja immer wieder konstruktiv mit Konflikten umgehen“

Giorgina Kazungu-Haß
Schulleiterin

Mehr Integration, mehr Teamentwicklung

Aus Sicht der Schulleiterin Giorgina Kazungu-Haß ist das Konzept des Kulturtags voll aufgegangen. Weil in den ersten vier Stunden jeden Mittwoch alle Lehrkräfte und die meisten Erzieher:innen verpflichtend anwesend sind, können die Schüler:innen in Kleingruppen aufgeteilt werden, um intensiv an ihren Projekten zu arbeiten. Auch sonst hat der Kulturtag viele Vorteile: Weil klassenübergreifend gearbeitet wird, werden auch die Kinder aus den Willkommensklassen und – soweit möglich – aus den sonderpädagogischen Kleinklassen integriert. Weil das gesamte Kollegium inklusive der Erzieher:innen beteiligt ist und alle gemeinsam die Projektarbeit vorbereiten, sei der Kulturtag außerdem sehr wertvoll für das Zusammenwachsen des Teams: „Denn in den Besprechungen zur Vorbereitung müssen wir ja immer wieder konstruktiv mit Konflikten umgehen“, beschreibt Kazungu-Haß diesen Prozess.

Der Kulturtag bedeutet auch eine Entlastung der Lehrkräfte, vor allem in Bezug auf kulturelle Veranstaltungen an der Schule und die damit verbundenen Vorbereitungen. Egal ob die alljährliche Weihnachtsfeier, das Sommerfest oder die Einschulung – kulturelle Aktivitäten zu organisieren ist an den meisten Schulen immer eine zusätzliche Aufgabe. „Das übernehmen dann einige wenige Kollegen bis zur Selbstausbeutung“, beschreibt Kazungu-Haß ihre eigenen Erfahrungen. Immer wieder brauche es Absprachen, weil ein Kollege beispielsweise eine Chorprobe für eine Schulstunde angesetzt hat, in der eine andere Kollegin eine Klassenarbeit plant. An der Grundschule Schleizer Straße gibt es dagegen die Kulturtage, an denen solche Veranstaltungen mit Aufführungen und gemeinsamem Singen vorbereitet werden können – von allen zusammen.

„Der Rahmenlehrplan liefert die Grundlagen. Dann überlegt jeder, was er zu einem Thema leisten könnte. Die Kolleg:innen entwickeln da teilweise einen großen Ehrgeiz und wir sind immer offen für Neues.“

Giorgina Kazungu-Haß
Schulleiterin

Der Stundenplan als Reißbrett

Als Schulleiterin zeigt Kazungu-Haß viel Pioniergeist. Ihre Grundschule wurde erst im Sommer 2023 eröffnet und befindet sich noch im Aufbau. Das bedeutet viel Arbeit, aber auch viele Möglichkeiten. Jedes Schuljahr kommt ein neuer Jahrgang hinzu. Es gibt inzwischen die 1. und die 2. Klassen, dazu die Willkommens- und die sonderpädagogischen Kleinklassen. Insgesamt werden schon jetzt 11 Klassen von 25 Lehrkräften unterrichtet. Genauso viele Erzieher:innen sind in der ergänzenden Förderung und Betreuung tätig.

Vor der Eröffnung der Schule hatten Kazungu-Haß und ein kleines Team nur ein Dreivierteljahr Zeit für die Planung. Dabei entstand die Idee des Kulturtags. „Grundlage der Planung war der Stundenplan. Der wird ja gerne unterschätzt“, sagt sie. Doch durch eine gute Strukturierung des Stundenplans entstehen viele Möglichkeiten, etwa Förderbänder oder eben ein Projekttag auf Grundlage der Stunden für die Fächer Kunst und Musik.

Zum Teil ist der Kulturtag auch aus einer Not heraus entstanden: Im Lehrplan sind an Berliner Grundschulen zwei Stunden Kunst und zwei Stunden Musikunterricht vorgesehen, doch es ist fast unmöglich, Fachlehrkräfte zu finden. „Wir haben deshalb die beiden Fächer im Stundenplan zu einem vierstündigen Lernbereich zusammengezogen. Nicht jeder muss mehr Kunst UND Musik unterrichten, sondern die Kolleg:innen können jetzt ihren Neigungen entsprechend ein Projekt leiten“, erklärt die Schulleiterin. Eine Erzieherin sei beispielsweise gelernte Theaterpädagogin, sie leite selbstverständlich ein Theaterprojekt. Andere Kolleg:innen spielen ein Instrument und musizieren mit den Kindern. Die Ideen kommen vor allem aus dem Kollegium, berichtet Kazungu-Haß: „Der Rahmenlehrplan liefert die Grundlagen. Dann überlegt jeder, was er zu einem Thema leisten könnte. Die Kolleg:innen entwickeln da teilweise einen großen Ehrgeiz und wir sind immer offen für Neues.“

Weil in der neu gegründeten Schule und besonders beim Kulturtag vieles keine Routine ist, sondern noch ausgehandelt werden muss, komme es unter den Kolleg:innen immer wieder auch zu Diskussionen. Wie sinnvoll sind beispielsweise besondere Projekte wie das Spielen auf Rhythmusinstrumenten? „Das ist für die Kinder eine tolle Erfahrung, doch es können nur vergleichsweise wenige daran teilnehmen. Eine berechtigte Frage also“, meint Kazungu-Haß. Sie hält diese Diskussionen für sehr hilfreich, weil so einerseits das Team weiter zusammenwachse und andererseits der Kulturtag weiterentwickelt werde.

DKJS/ Wibke Bergemann

Schule im Compartmentbau

Etwas Besonderes ist auch das frisch errichtete Schulgebäude, ein sogenannter Compartmentbau. Bei diesem Konzept sind quasi mehrere kleine Schulen in einem Gebäude zusammengefasst. Jeder Jahrgang hat seinen eigenen Bereich, das Compartment, mit einem zentralen Forum in der Mitte. Hier kann man sich auf bunten Sitzblöcken niederlassen, die so leicht sind, dass auch die Kinder sie je nach Bedarf verschieben können. Rund um das Forum liegen die Klassenzimmer, außerdem die kleineren Teilungsräume, ein Ruheraum mit gemütlichen Sitzsäcken, in den sich die Schüler:innen zurückziehen und beispielsweise lesen können, und schließlich der Pädagog:innenraum für die Lehrkräfte. Außerhalb der Compartments liegen die gemeinsam genutzten Räume für Naturwissenschaften, Werken und Kunst sowie der Mehrzweckraum, die Mensa und der Raum für die Früh- und Spätbetreuung in den Randzeiten zwischen 6 und 7 Uhr bzw. zwischen 16 und 18 Uhr.

Jedes Forum ist hell und sehr offen gestaltet, mit Glastüren und auch vielen Glaswänden, die Ein- und Ausblicke aus den Klassenzimmern erlauben. So können Lehrkräfte beispielsweise während des Unterrichts Schüler:innnen einzeln oder zu zweit draußen im Forum arbeiten lassen und sie dabei dennoch im Auge behalten. Auch die Pädagog:innen haben aus ihrem Raum durch Glastüren immer Blickkontakt zum Forum.

Platz für Neues

„Das Compartment lädt dazu ein, organisch zu denken“, sagt Schulleiterin Kazungu-Haß. Sie und ihr Team planen nicht FÜR das Compartment, sondern umgekehrt: das Compartment eröffne viele Möglichkeiten, die in einem traditionellen Gebäude mit langen Fluren und abgeschlossenen Klassenzimmern nicht gegeben sind. Auch über ausgefallene Lernideen kann hier nachgedacht werden, ohne dass gleich die räumlichen Gegebenheiten Grenzen setzen. So bietet das Forum genug Platz, damit sich alle Kinder aus den drei Klassen eines Jahrgangs versammeln können. Im Forum beginnt auch der Kulturtag jeden Mittwochmorgen mit einer kurzen Besprechung. „Alle setzen sich leise auf den Boden, bevor jeder selbstständig in seine Projektgruppe geht. Für die Kleinen ist das eine Herausforderung, aber sie lernen es mit der Zeit. Das sind wichtige Voraussetzungen für selbstständiges Lernen“, erklärt Kazungu-Haß. In den Projektgruppen arbeiten dann Schüler:innen aus allen Klassen der Schule zusammen.

DKJS/ Wibke Bergemann

Zudem sei der Neubau „unfassbar gut ausgestattet“. So gibt es hinter der Bühne im Mehrzweckraum einen Fundus, in dem die Kostüme und Kulissen der Theaterstücke gelagert werden können. Vor den Aufführungen werden die Kinder hier verkleidet und geschminkt. Die Bühne ist mit einer Licht- und Tonanlage ausgestattet. Ein Riesenvorteil, sagt Kazungu-Haß. „Denn es macht viel Arbeit, wenn Sie solche Sachen vor großen Aufführungen leihen müssen.“ Die NaWi-Räume sind mit Vorbereitungsräumen verbunden, in denen die Materialien für Versuche aufbewahrt werden. Der Werkraum verfügt über Werkzeugschränke, Werkbänke und einen Brennofen für Tonarbeiten. „Das gab es früher alles an Schulen. Dann wurden in Berlin diese Räume aus Platzmangel zu Klassenzimmern umfunktioniert und gingen verloren.“

Die Grundschule Schleizer Straße ist eine offene Ganztagsschule. Dennoch gehen die allerwenigsten Kinder nach dem Vormittag nach Hause. So ist es möglich, Vormittag und Nachmittag besser miteinander zu verschränken und sogar einige Unterrichtsstunden in den Nachmittag zu legen. Entgegen den verbreiteten Vorstellungen sei sie bei der Einführung dieser Nachmittagsstunden im Kollegium auf viel Zustimmung gestoßen, erzählt Kazungu-Haß. „Kolleg:innen, die nach der 6. Stunde unterrichten, kommen an diesen Tagen morgens etwas später. Das kommt vielen von ihnen sehr entgegen.“

„Etwa fächerübergreifender Epochenunterricht oder stärkenorientiertes Lehren – das sind wichtige Ansätze. Dann muss man sehen, wie man das bei sich umsetzen will und kann.“

Giorgina Kazungu-Haß
Schulleiterin

Ein guter Tipp

Was würde Kazungu-Haß anderen Schulen empfehlen, die mehr Projektarbeit in ihren Alltag bringen möchten? Zum einen: nicht zu dogmatisch sein. Die Projektarbeit lasse sich nicht vollständig durchplanen. Manchmal hinke man dem Zeitplan hinterher, manchmal werde auch die Präsentation am Ende eines Projekts nicht so aufwändig wie ursprünglich geplant. „Ich sage immer, ‚think big‘. Doch manchmal kommt es eben anders als geplant.“ Dann sollte man die Kolleg:innen stärken, statt sie zu überfordern. Das gilt auch für den Kulturtag insgesamt: Wenn beispielsweise der Krankenstand zu hoch ist und zu viele Lehrkräfte fehlen, ist die Projektarbeit in kleineren Gruppen nicht mehr möglich. Dann wird stattdessen in den Klassen gearbeitet.

Ein weiterer wichtiger Rat: „Lesen Sie das Landesschulgesetz und die Grundschulverordnung! Die sind gut gemacht und man findet darin viele Ideen“, meint die Schulleiterin. „Etwa fächerübergreifender Epochenunterricht oder stärkenorientiertes Lehren – das sind wichtige Ansätze. Dann muss man sehen, wie man das bei sich umsetzen will und kann.“ Theoretisch sei viel mehr erlaubt, als die meisten glauben. Man müsse sich nur trauen. Zudem empfiehlt Kazungu-Haß nicht danach zu schauen, was man NICHT hat, also beispielsweise zu wenig Kunst- und Musiklehrer:innen. Man komme viel weiter, wenn man stattdessen überlegt, was an Ressourcen da ist: „Viele Lehrkräfte haben noch ganz andere Kompetenzen als nur das, was sie studiert haben.“ – Kompetenzen, die den Kulturtag zu einem besonderen Lerntag machen.

Schulporträt veröffentlicht im Schuljahr 2024/2025.

Details zur Grundschule Schleizer Straße

Schulform Grundschule
offene / teilgebundene / gebundene Ganztagsschule Offene Ganztagsschule
Schüler:innen 180 (Sj 24/25)
Lehrkräfte 18
Erzieher:innen 16
Pädagogische Unterrichtshilfen 3
Besonderheiten
Kulturtag immer mittwochs
Compartmentschule

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