Gemeinsame Erlebnisse – Beispiel Performance

Künstlerische Verarbeitung des ersten Lockdowns – Schüler:innen entwickeln kollektiv eine Performance

Aufgabenstellung

Ein Kurs Darstellendes Spiel der Kurt-Tucholsky-Oberschule (damals Jahrgang 12; zwei Unterrichtsstunden pro Woche) setzte sich unter Leitung des Performancekünstlers Franz-Josef Becker und der Lehrerin Meike Schroedter im Schuljahr 2020/21 mit den Erfahrungen des ersten Lockdowns (Frühjahr 2020) auseinander. Aufgabe war, eine wie auch immer fiktive Vereinigung zu gründen, die Bezug auf die Erfahrungen der Pandemie nimmt.

Die Vorgaben waren bewusst spärlich: Einen Verein gründen mit Bezug auf das eigene Erleben im Lockdown, Vereinsstatuten festlegen und Vereinshistorie festhalten sowie eine eigene Biografie mit einem Geheimnis und einem Wunsch entwickeln.

Die Alleingemeinschaft: „Gemeinsam allein gegen Einsamkeit“

Überraschenderweise entstand daraus nicht eine Gruppe Verlassener, sondern „Die Alleingemein-schaft“ (DAG) oder auch „Sola Civitas“. Diese zeichnet sich durch folgendes aus:

Die Mitglieder sind gerne allein, gerade unter Coronabedingungen, denn ihr Zuhause mit den immer gleichen Menschen empfinden sie als anstrengend. Sie erfreuen sich deshalb an der Ruhe im Allein-sein. Sie haben sich eigene Regeln gegeben und gehen mit sich selbst in Klausur, wohlwissend, sich dennoch hin und wieder in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten treffen zu können. Das Alleinsein – nicht zu verwechseln mit Einsamkeit – gibt ihnen die Möglichkeit, aus ihrem Hamsterrad auszusteigen und über die Welt und ihre Herausforderungen nachzudenken. Motto: „Besser allein als gemeinsam einsam.“ Entstanden sind inzwischen auch ein Text zur Entstehungsgeschichte der DAG sowie ausführliche Biografien der einzelnen Mitglieder und ein Regelwerk (s.u.).

Weiterentwicklung der Performance

Im Schuljahr 2021/2022 geht es für die Kursteilnehmer:innen (nun Jahrgang 13) darum, ihre im Alleinsein gewonnenen Erkenntnisse in der Alleingemeinschaft auszutauschen und zu überlegen, wie man in der realen Welt auf Missstände aufmerksam machen und Veränderun-gen wirksam anstoßen kann. Hierzu fanden schon erste Aktionen im schulischen und halböffentlichen Raum statt: Im August 2021 kamen die Schüler:innen bei der KA.Gesellschaft Vol. 9: „Kulturelle Bildung nach Corona“ mit Schüler:innen und Berliner Bildungspolitiker:innen in den Austausch, beim schuleigenen Projettag LITERATUR VERORTEN mit den eigenen Mitschüler:innen. Im Haus der Statistik fand Ende November 2021 die Performance als Prüfungsklausur vor einem ausgewählten Publikum (Kolleg:innen, Eltern) in 1:1-Situationen zwischen Darsteller:innen und Zuschauer:innen statt: berührende, überwiegend non-verbale Begegnungen, die einen tiefen Einblick in die Erfahrungswelt der Jugendlichen gewährten.

Die Entstehungsgeschichte:

Es war einmal vor mehreren Jahrhunderten – in einer anderen Zeit. Genauer gesagt im Mittelalter um das Jahr 1312, als Ritter in glänzend silberner Rüstung tapfer gegen das Dunkle kämpften. Einer von ihnen war der unscheinbare, aber dennoch mutige Bud von Weiser, welcher zahlreiche Kriege bereits hinter sich gebracht hatte. Eines Tages wurde ihm all das, was ihm umgab, zu viel. Er musste an einen anderen Ort. Einen Ort, an dem er allein war. Ganz allein für sich und ohne sich wieder einmal als ein tapferer Ritter beweisen zu müssen. Und was eignete sich dafür besser als eine alte und verlassene Berghöhle?   Wochen und Monate vergingen und er bewegte sich immer zum gleichen Ort. Eines Tages vertraute sich ihm ein befreundeter Ritter an und sagte, er fühle sich durch sein Ritter-Dasein enorm gestresst und unter Druck gesetzt. Bud von Weiser überlegte… Sollte er ihm helfen und sein Geheimnis anvertrauen? Sollte er ihn vielleicht sogar fragen, ob er ihn begleiten mag? Tagelang beschäftigten diese Fragen den doch so mutigen Bud von Weiser. Bis er sich schließlich dafür entschied, seinen Freund mit zu seinem geliebten Ort, die Berghöhle, mitzunehmen. Er stellte fest, dass es gemeinsam noch befreiender war. Sie waren zwar zusammen und eine Art Gemeinschaft, da sie dieses Geheimnis miteinander verbunden hatte, konnten jedoch trotzdem allein sein. Im Laufe der nächsten Jahre erfuhren immer mehr Ritter von diesem Ort und dem damit verbundenen Treffen zum Alleinsein. Die Treffen wurden für die Teilnehmer zu einer Art Ritual und jeder von ihnen empfand von Mal zu Mal ein immer größeres Gefühl von Erleichterung.

Regeln der DAG:

  1. Diese Organisation steht unter höchster Geheimhaltung.
  2. Interaktion mit anderen Mitgliedern sind strengstens verboten.
  3. Das alleinige Wohlergehen steht an erster Stelle. Somit ist jegliche Ausdrucksweise oder Art und Weise, welche der persönlichen Entfaltung und dem Wohlfühlen dienen, erlaubt. Die menschlichen Grundrechte, Gesetze und Regeln der DAG müssen weiterhin berücksichtigt werden.
  4. Sobald der Sinn der DAG erkannt wurde, wird auf sofortiges Verlassen der DAG gebeten.
  5. Der Organisator ist unter dem Anonym „Chairman“ bekannt. Dieser kann einzig und allein die Mitglieder kontaktieren und nicht selber adressiert werden.
  6. In der DAG müssen Begrüßungs- und Abschiedsfloskeln, welche Blickkontakt und optionales Lächeln in der DAG bedeuten, eingehalten werden.
  7. Beim Verstoß des Regelwerkes der DAG erfolgt ein sofortiger Ausschuss aus der DAG.

Wenn Sie mit den Regeln einverstanden sind, finden Sie am Montag um 12 Uhr im Café „Hinter der Ecke“ am Tisch 5 einen Umschlag mit weiteren Informationen für das nächste DAG-Treffen.

Es schrieb: Chairmen

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