Nürtingen-Grundschule

„Die Machtverhältnisse sind nicht gleich“

DKJS/ Katharina Zink

Was bedeutet Vielfalt für den Alltag einer Grundschule? Und wie kann sie genutzt werden? Die Nürtingen-Grundschule in Berlin-Kreuzberg zeigt, wie diversitätssensible Schulentwicklung gelingt – und alle einbindet.

Ein Interview von Katharina Zink mit dem Schulleiter Markus Schega.

Mitten in Kreuzberg am Mariannenplatz liegt die Nürtingen-Grundschule. In drei großen Backsteingebäuden aus dem 19. Jahrhundert verbirgt sich eine Montessori-orientierte offene Ganztagsschule. Die Grundschule hat sich durch ihre diversitätssensible Schulentwicklung einen Namen gemacht und einen konsequenten Weg im Umgang mit Rassismus und Diversität eingeschlagen.

Für Markus Schega, den Leiter dieser Schule geht es jedoch nicht nur darum, Vielfalt zu feiern, sondern Ungleichheiten zu benennen und mit den Kindern daran zu arbeiten: „Es ist ja auch gar nicht so, dass alles so schön bunt ist. Man muss ja immer mitbedenken, dass die Machtverhältnisse nicht gleich sind. Sondern es ist so, dass es die einen leichter haben und die anderen nicht so leicht“, erklärt Markus Schega im Rahmen einer Themenwoche zu diversitätssensibler Schulentwicklung der Veranstaltungsreihe „Vielfalt im Gespräch“ im Mai 2021.

2009, als Markus Schega die Schulleitung übernahm, befand sich die Grundschule noch in einer ganz anderen Situation: Diskriminierungsvorwürfe standen im Raum, gleichzeitig war ein offener Umgang mit dem Thema Rassismus kaum möglich. Wenn es zu Gesprächen über rassistische Vorfälle kam, herrschte nicht selten eine bleierne Schwere im Raum. Man wusste gar nicht, wie man darüber sprechen sollte. Was sich zeigte, war zum einen eine große Handlungsunsicherheit bei den Lehrerkolleg:innen und in der Elternschaft. Zum anderen waren unter den Schüler:innen mit Gymnasialempfehlung auffällig wenige, deren Eltern eine Migrationsgeschichte haben.

Handlungssicherheit im Umgang mit Vielfalt erhöhen

Markus Schega nahm die Diskriminierungsvorwürfe ernst und begann, gemeinsam mit seinen Kolleg:innen, Eltern und Schüler:innen Strukturen gegen Rassismus und gegen Diskriminierung aufzubauen. Nach der ersten Bestandsaufnahme war es wichtig, Handlungssicherheit im Umgang mit Vielfalt zu ermöglichen und Barrieren für die Teilhabe abzubauen.

Eine wichtige Initiative dafür war das Projekt „Nürtikulti – Vielfalt gestaltet Grundschule“, das von 2011 bis 2014 an der Nürtingen-Grundschule umgesetzt wurde. In dieser Zeit wurde der Grundstein dafür gelegt, dass alle gemeinsam das Schulleben gestalten und Vielfalt dabei als Ressource begreifen. Das heutige Leitbild der Nürtingen-Grundschule betont den aktiven Umgang mit der Vielfalt: Alle sind willkommen, die Schüler:innen der Schule werden vor Diskriminierung und Übergriffen geschützt.

Konkret heißt das, dass rassistische Vorfälle und Mobbing bei der Schulleitung meldepflichtig sind, sie übernimmt die Bearbeitung. Handelt es sich um Mobbing, orientiert sich die Nürtingen-Grundschule an der „Berliner Mobbingfibel“. Außerdem hat die Schule mit Kindern einen 3-minütigen Film gedreht, der die Topografie von Mobbingfällen zeigt und als Unterrichtsmaterial zur Prävention genutzt wird.

Rassismusvorfälle werden in enger Kooperation und unter Supervision der externen Anti-Diskriminierungsberaterin Olenka Bordo-Benavides bearbeitet. Gemeinsam mit ihr reflektieren die Schulleitung und eine Vertretung der Schulsozialarbeit jeden einzelnen Vorfall und legen die nächsten Schritte fest. Zudem bietet Olenka Bordo-Benavides an der Nürtingen-Grundschule eine „Empowerment-Gruppe“ für Children of color an. Die Erkenntnisse aus dieser Gruppe fließen in die Schulentwicklung ein.

„An jeder Schule müssen die Fortbildungen für das komplette Kollegium verbindlich sein. Und alle Behörden und Schulleitungen müssen hinterher sein, diese Schulungen zu machen.“

Markus Schega
Schulleiter

Diversitätskriterien für alle verbindlich machen

So werden auch neue Kolleg:innen möglichst schnell ins Boot geholt: Eine mit externen Kooperationspartner:innen entwickelte Diversity-Fortbildung ist auf die Nürtingen-Grundschule zugeschnitten und für alle Pädagog:innen verpflichtend. Fortbildungen, die den Raum für Reflexion öffnen und Wissen zum Umgang mit Vielfalt vermitteln, sieht Markus Schega als einen zentralen Baustein der diversitätssensiblen Schulentwicklung an: „An jeder Schule müssen die Fortbildungen für das komplette Kollegium verbindlich sein. Und alle Behörden und Schulleitungen müssen hinterher sein, diese Schulungen zu machen“, fordert er.

Für den regelmäßigen Blick über den Tellerrand ist die Nürtingen-Grundschule in die Netzwerke „Bildungsbrücken“ und „Bildungsnetzwerk Marianne“ eingebunden. „Ich finde, es gibt immer so einen Fokus auf die Einzelschule. Ich mache sehr gute Erfahrungen in einem kleinen Netzwerk bei uns im Kiez. Im Netzwerk „SO 36“ sind wir fünf Grundschulen und eine Oberschule und entwickeln gemeinsam einen Leitfaden zum Umgang mit Rassismus, der auf Prävention, Fortbildung und zielgerichteter Intervention beruht. Dieses Netzwerk erlebe ich als einen sehr offenen Kontext.“

„Ich habe vor kurzem mit einer Lehrerin bei uns gesprochen, die immer 10 Pfennig in eine Kasse zahlen musste, wenn sie türkisch gesprochen hat, auch in Kreuzberg. Das ist natürlich eine ungeheuer diskriminierende Erfahrung. Und genau solche Lehrerinnen brauchen wir.“

Markus Schega
Schulleiter

Kontinuierliche Auseinandersetzung fördern

Die kontinuierliche Auseinandersetzung mit Diversität und Rassismus passiert an der Nürtingen-Grundschule auf unterschiedlichen Wegen. Lehrkräfte nehmen nicht nur an den Fortbildungen teil, sondern entwickeln auch die Lernmaterialien ständig weiter. „Und mittlerweile ist es so, dass die Mehrheit des Kollegiums diese Schulungen unterstützt und auch Materialien entwickelt. Zum Beispiel erstellen wir Mathebücher. Man denkt immer, Matheunterricht wäre harmlos, aber das ist keineswegs der Fall“, erzählt Markus Schega.

Auch über die Erfahrungen von Lehrkräften kommt ein selbstverständlicher Umgang mit Diskriminierung im Schulalltag an. „Ganz wichtig ist der Punkt gewesen, dass man Lehrkräfte mit Migrationserfahrungen einstellt und die auch von ihren Erfahrungen berichten. Ich habe vor kurzem mit einer Lehrerin bei uns gesprochen, die immer 10 Pfennig in eine Kasse zahlen musste, wenn sie türkisch gesprochen hat, auch in Kreuzberg. Das ist natürlich eine ungeheuer diskriminierende Erfahrung. Und genau solche Lehrerinnen brauchen wir.“

Pädagog:innen und Schüler:innen an der Nürtingen-Grundschule lenken ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf die Gegenwart. In der Remise auf dem Schulhof wurde ein Museum eingerichtet, das sich mit der Geschichte der Schule auseinandersetzt, die Ausstellung wurde in Schülerprojekten gestaltet. Unter anderen kann man in alten Konferenzprotokollen aus der Zeit, in der viele sogenannte „Gastarbeiter:innen“ nach Deutschland kamen, die Haltung und den Umgang mit Migration und Vielfalt nachvollziehen. In diesen Dokumenten sind viele rassistische und diskriminierende Momente enthalten. Die Auseinandersetzung mit diesem Material ermöglicht den Schüler:innen eine intensive Reflexion der Geschichte struktureller Diskriminierung an ihrer Schule und in der Gesellschaft.

Partizipation ermöglichen

Die ständige Weiterentwicklung der Schule ist ohne partizipative Strukturen kaum denkbar. Bei vielen Gelegenheiten kommen Vertretungen von Lehrer:innen, Erzieher:innen, Schüler:innen und Elternschaft zusammen, um Entscheidungen zu diskutieren und nächste Schritte zu planen. Neben den im Schulgesetz vorgesehen Gremien wie Schulkonferenz und Gesamtkonferenz gibt es auch ein Schüler:innenparlament.

In einem ‚Jour fixe‘ treffen sich Elternvertreter:innen regelmäßig mit der Leitung der Schulsozialarbeit und der Schulleitung. Hier werden alle wichtigen Themen zur Schulentwicklung besprochen, ein Protokoll dieser Sitzung wird schulweit veröffentlicht. „Die Kooperation mit den Eltern ist durch eine gemeinsame Erziehungsverantwortung geprägt“, erklärt Markus Schega. Das spiegelt sich beispielsweise in Lernentwicklungsgesprächen wider. Hier hat das Kind zwei Mal im Jahr die Gelegenheit, bei Anwesenheit der Eltern und der Lehrkräfte eine umfassende Selbsteinschätzung vorzunehmen und Ziele zu formulieren.

In einem aufwendigen partizipatorischen Verfahren wurde der Schulentwicklungsprozess für die bauliche Erweiterung der Schule entwickelt. Die Steuerung übernimmt raumSET, das Schulentwicklungsteam Raum, in dem Pädagog:innen, Schulsozialarbeit und Eltern zusammenarbeiten. Diese Verfahren und Gremien öffnen viele Kommunikationswege für alle Beteiligten und ermöglichen so sowohl gemeinsame als auch individuelle Verantwortung für das Ganze.

„Wir sind eine Schule mit Rassismus. Das bleibt auch so. Das reproduziert sich.“

Markus Schega
Schulleiter

Rassismus im Schulalltag aktiv begegnen

Wie geht die Nürtingen-Grundschule heute mit Rassismus und Diskriminierung um? Mit Sicherheit deutlich offener und selbstbewusster als Ende der 2000er Jahre. Und der Schulleiter bringt das ohne Umschweife auf den Punkt: „Wir sind eine Schule mit Rassismus. Das bleibt auch so. Das reproduziert sich.“

Zum Beispiel, wenn die Kinder Gruppen bilden und sich aussuchen, mit wem sie zusammen sein wollen: „Dann haben Sie die blonden Mädchen auf der einen Seite und die schwarzhaarigen Jungen auf der anderen Seite. In der Regel bleiben die Milieus ziemlich getrennt – leider.“ Gruppenbildungen werden in der Nürtingen-Grundschule deshalb oft moderiert und möglichst zufällig eingeteilt. So wird Kooperation eingeübt – und die Auseinandersetzung mit Unterschieden und Rassismus nicht vermieden.

Schulporträt veröffentlicht im Jahr 2022.

Die Nürtingen-Grundschule ist eine Montessori-orientierte offene Ganztagsschule in Berlin-Kreuzberg. Schwerpunkte sind der Einsatz von Neuen Medien und die Veränderung des Lernens, die Zusammenarbeit mit Künstler:innen und die Verbesserung von Mathematikunterricht. Außerdem zeichnet sich die Grundschule durch ihre diversitätssensible Schulentwicklung aus und hat umfangreiche Partizipationsprozesse etabliert.

Details zur Nürtingen-Grundschule

Schulform Grundschule
offene / teilgebundene / gebundene Ganztagsschule offene Ganztagsgrundschule
Schüler:innen 580
Lehrkräfte 55
Erzieher:innen 40
Schulsozialarbeiter:in 4

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