Adolf-Glaßbrenner-Grundschule

„Anregen, was sonst nicht zutage kommt“ - Eine Beziehung zu Büchern schaffen

DKJS/ Wibke Bergemann

Die Adolf-Glaßbrenner-Grundschule in Berlin-Kreuzberg ist eine offene Ganztagsgrundschule. Durch die enge Verzahnung von unterrichtlichem und außerunterrichtlichem Bereich und die gute Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams, auch mit externen Partner:innen, ist hier ein ganztägiges Lernen gut möglich. Zentraler Lernort ist der Lesekeller, in dem vormittags, nachmittags und sogar abends sprachliche Bildung stattfindet.

Ein Schulporträt von Wibke Bergemann

Großer Trubel im Lesekeller der Adolf-Glaßbrenner-Grundschule in Berlin-Kreuzberg. Drei Monate lang hat sich die Klasse 3d im Handlungsorientierten Literaturunterricht mit Bilderbüchern zum Thema Bauen und Wohnen beschäftigt. Inspiriert von den Büchern haben sie Baumhäuser, Phantasiehäuser und sogar eine kleine Stadt gebaut, neue Geschichten erfunden und kurze Stop Motion-Filme produziert. Ihre Arbeiten präsentieren sie nun vor zwei jüngeren Klassen. Eine Gruppe hat sich etwa mit einem Bilderbuch ohne Text beschäftigt und eigene Geschichten dazu geschrieben, die sie nun geduldig den jüngeren Schüler:innen vorlesen.

Für viel Lachen sorgt eine andere Gruppe, die sich den Bilderbuch-Klassiker „Gute Nacht, Gorilla“ vorgenommen und dazu einen Stop Motion-Film gedreht hat. Kulisse ist das selbstgebaute Erdbeer-Maracuja-Bananenhaus, Protagonist:innen sind vier kleine Stabfiguren. Der kurze Film steckt voller absurd-komischer Details, die die kleinen Zuschauer:innen zum Lachen bringen und an den Detailreichtum des Gorilla-Buches erinnern.

„Die Kinder müssen sich über ihre Gedanken austauschen. Manchmal streiten sie sich dabei. Der ganze Entstehungsprozess im Projekt ist ein ständiges Aushandeln.“

Bettina Braun
Lese- und Literaturpädagogin

Handlungsorientierter Literaturunterricht: Bücher als Inspiration

Lasst Euch vom Humor des Buches anstecken! „Diese Aufgabe könnte man so gar nicht stellen“, sagt die Lese- und Literaturpädagogin Bettina Braun. Aber das Besondere im Handlungsorientierten Literaturunterricht sei, dass genug Raum sei, damit sich so eine Kreativität entwickeln könne. Denn für das Arbeiten ist hier kein Ziel vorgegeben. Die Schüler:innen sollen sich von ihren Bücher inspirieren lassen, dabei selbst herausfinden, was sie interessiert und aus eigener Motivation Lösungen finden. „Sie sollen in ihre Phantasie kommen“, erklärt Braun. Deshalb werden die Arbeiten, die im Handlungsorientierten Literaturunterricht entstehen, nicht bewertet: „Die Schüler:innen sollen selbst entscheiden, was sie gut finden.“ Und sie sollen möglichst ohne Angst etwas ausprobieren können.

Die Literaturpädagogin begleitet die Schüler:innen dabei, wenn sie ihre Ideen auf die verschiedenste Weise umsetzen und – inspiriert vom Buch – Theater spielen, schreiben, malen, basteln, experimentieren oder auch singen, tanzen und spielen. Eine große Rolle spielt dabei die Gruppenarbeit. „Die Kinder müssen sich über ihre Gedanken austauschen. Manchmal streiten sie sich dabei. Der ganze Entstehungsprozess im Projekt ist ein ständiges Aushandeln.“ Auch das übt Sprache. Braun erzählt, wie die Klassenlehrer:innen immer wieder erstaunt sind, wenn sogar sehr stille Kinder sich vor die anderen hinstellen und ihre Arbeit präsentieren. „Im Handlungsorientierten Literaturunterricht wird etwas angeregt, was sonst kaum zutage kommt.“

Der Leiter der Schule, Peter Rahrbach, betont, dass gerade im Jahrgangsübergreifenden Lernen für die Stufen 1 bis 3, das seine Schule neben jahrgangshomogenen Klassen auch anbietet, das projektbezogene Arbeiten besonders wichtig sei. „Denn da arbeiten ja Kinder, die schon gut lesen können, mit anderen zusammen, die ganz frisch in die Schule gekommen sind.“ Auch fachlich gibt es im Handlungsorientierten Literaturunterricht wenig Beschränkungen. Neben Literatur fließen Kunst, Werken, Sachkunde und Mathematik mit ein.

Ein multiprofessionelles Team für ein Querschnittsprojekt

Angefangen hat alles vor 12 Jahren mit dem sogenannten Lesekeller. Als Buchhändlerin und Mutter eines Schulkindes beteiligte sich Bettina Braun daran, im Souterrain eine Schulbibliothek aufzubauen. Der Lesekeller sollte mehr werden als nur ein bürokratischer Ort im Nachmittagsbereich. Er sollte so gestaltet werden, dass auch die Kinder motiviert werden, die sonst nicht nach Büchern greifen. „Nicht in allen Familien sind Bücher vorhanden“, bestätigt die Mathe- und Kunstlehrerin Elisabeth Krämer. Auch wenn die Schüler:innen der Adolf-Glaßbrenner-Grundschule vergleichsweise wenig mit Sprachproblemen zu kämpfen haben, beobachtet das Kollegium auch bei ihnen eine Entfremdung von Büchern.

Die Lehrerin Krämer und die Lese- und Literaturpädagogin Braun arbeiteten schließlich gemeinsam mit dem Kommunikationswissenschaftler und Erzieher Michael Wien das Konzept für den Handlungsorientierten Literaturunterricht aus. „Es war wichtig, dass wir für so eine Querschnittsaufgabe in einem multiprofessionellen Team gearbeitet haben“, sagt Braun. Denn neben der Attraktivität stellte sich die Frage, wie man die Bibliothek mit dem unterrichtlichen Bereich der Schule verschränken könnte. Die Bibliothek gehört zur ergänzenden Betreuung und Förderung (eFöB), die vom Diakonischen Werk Berlin-Stadtmitte als freiem Träger betrieben wird. Die Lösung: Der Handlungsorientierte Literaturunterricht im Lesekeller wurde verpflichtender Teil des Stundenplans, mit einer Doppelstunde pro Woche. Pro Schuljahr arbeiten insgesamt drei Klassen bzw. Lerngruppen jeweils drei Monate lang an einem Projekt. Dieses Konzept läuft mittlerweile seit sechs Jahren und hat sich bewährt.

„Ich habe Greg’s Tagebuch 1 bis 11 zu Hause. Aber die anderen Bücher bis Nr. 16 habe ich hier gelesen“

Schüler

Sogar ein Ausbau des Angebots wäre jederzeit möglich. „Vor ein paar Jahren konnten wir den Handlungsorientierten Literaturunterricht sogar dreimal in der Woche geben“, erinnert sich Braun. Mittlerweile fehlen dazu aber die finanziellen Mittel. Dass der Handlungsorientierte Literaturunterricht zwar in der Unterrichtszeit, aber im Gebäude des eFöB stattfindet, habe Vorteile: Die Schüler:innen entwickeln nicht nur eine besondere Beziehung zu „ihrem Buch“, sondern ganz nebenbei auch eine Verbundenheit mit der Bibliothek als Ort.

Tatsächlich wirkt der Lesekeller auf vielen Ebenen in die Schule hinein. Das Team hat unter anderem die Lesekoffer zusammengestellt: fünf Reisekoffer voller Bücher. Jedes Kind an der Schule bekommt einmal einen der Koffer für zwei Wochen mit nach Hause, zum Schnuppern. Wer sein Buch dann noch nicht zu Ende gelesen hat, kann im Lesekeller weiterlesen.

An diesem Vormittag ist den Schüler:innen anzumerken, dass sie oft in die Bibliothek kommen. Interessiert schauen sie sich die ausgestellten Bauwerke an und lassen sich alles genau erklären. „Was ist das? Und was ist das?“ Vom Fliegengitter an der Tür bis zur Rutsche in den Gartenteich. Doch einige von ihnen schnappen sich auch ein Buch aus dem Schrank, ziehen die Tür des hinteren Raums hinter sich zu, um mehr Ruhe zu haben, und machen es sich auf den Sofas bequem. „Ich habe Greg’s Tagebuch 1 bis 11 zu Hause. Aber die anderen Bücher bis Nr. 16 habe ich hier gelesen“, sagt ein Junge, der sich sichtlich wohl fühlt.

DKJS/ Wibke Bergemann

Ein breites Angebot: Bilderbuch-Kino und Bücherabende

Die drei Räume der Bibliothek sind gemütlich: Es gibt Sofas und Sitzkissen auf den bunten Teppichen, an den Wänden ziehen sich die Bücherregale entlang, auf der Bank vor den großen Fenstern stehen Kisten mit großformatigen Bilderbüchern. In den beiden kleineren Räumen gibt es zudem Tische, an denen Schreiben und Basteln möglich ist. Der Lesekeller ist nachmittags für alle Kinder der Schule geöffnet, jeden Tag finden zwischen 13 und 16 Uhr offene Angebote zum Mitmachen statt. Etwa das Bilderbuch-Kino immer donnerstags: Die Bilder aus einem Buch werden mit dem Beamer auf die Leinwand projiziert, die Geschichte dazu vorgelesen. „Dann sitzen manchmal 20 Kinder hier“, erzählt Erzieher Michael Wien.

Noch mehr kommen gemeinsam mit ihren Eltern zu den Bücherabenden, auf denen neue Bücher vorgestellt werden. Für die älteren Schüler:innen ab der 4. Klasse lädt das Lesekeller-Team zudem regelmäßig Autor:innen und Übersetzer:innen zu Lesungen in die Schule ein. Ein engagiertes Team, zahlreiche Aktivitäten und vor allem der Handlungsorientierte Literaturunterricht – so ist die Bibliothek neben Wortlabor, Theater, Schülerzeitung und Schreibwerkstätten zu einem wichtigen Bestandteil der sprachlichen Bildung an der Schule geworden.

Einmal im Jahr trifft sich das Team des Handlungsorientierten Literaturunterrichts mit den beteiligten Lehrer:innen, um das Projekt zu evaluieren. „Wir haben zum Bespiel gemerkt, dass die Kinder mehr Zeit brauchen, um die Bücher zu lesen und zu verstehen“, berichtet Bettina Braun. Daraufhin wurde die Phase verlängert, in der sich die Schüler:innen mit den Büchern beschäftigen, bevor sie ans eigene Schaffen gehen. Solche kleineren Anpassungen wurden in den letzten Jahren immer wieder vorgenommen.

Enge Verzahnung mit der ergänzenden Förderung und Betreuung und Externen

Schulleiter Peter Rahrbach setzt beim ganztägigen Lernen auf eine enge Verzahnung mit den Angeboten am Nachmittag und externen Partner:innen. Zumal von den rund 430 Schüler:innen auf seiner Schule bis zur 5. Klasse fast alle den eFöB besuchen. Die Schreibwerkstätten mit externen Autor:innen etwa werden von Schule und eFöB gemeinsam organisiert und finden entsprechend mal vormittags und mal nachmittags statt, teilweise verpflichtend, teilweise freiwillig. Während Theater in den JüL-Klassen 1 bis 3 als ein von externen Pädagog:innen geleitetes Projekt angeboten wird, läuft es in der 5. Klasse als Wahlpflichtfach über ein gesamtes Schuljahr.

„Man muss vom starren Stundenplan zu fließenden Übergängen kommen“, empfiehlt Rahrbach. Sein Motto: groß Denken, dann kleinschrittig organisieren. Mit anderen Worten, um mutige, kreative Ideen umzusetzen, braucht es Zeit, viel Organisation und Absprachen mit allen Beteiligten. „Alle Partner mitzunehmen ist mühsam, aber es lohnt sich.“ So wird etwa die externe Theaterpädagogin zu jeweils einem Drittel vom Förderverein, von der Schule und vom freien Träger bezahlt.

Auch Bettina Braun rät dazu, erst einmal klein anzufangen. Ein Literaturunterricht, der einen ganz anderen Ansatz als der normale Unterricht hat, muss nicht gleich in den Stundenplan aufgenommen werden. Man könne mit einem Projekt im Freizeitbereich beginnen, beispielsweise in den Ferien, meint Braun. So ließen sich erste Erfahrungen mit dem neuen Bildungselement sammeln.

DKJS/ Wibke Bergemann

Die richtigen Bücher finden

Was sollten Schulen beachten, die etwas Ähnliches wie den Lesekeller aufbauen wollen? „Ich würde Bilderbücher empfehlen“, sagt die Literaturpädagogin. „Viele denken ja, die seien nur etwas für Kleine. Aber gut gemachte Bilderbücher können auch Grundschüler begeistern.“ Ein anderer guter Rat: Externe dazu holen, die vielleicht einen anderen Blick auf Bücher haben als das Kollegium. „Lese- und Literaturpädagogen kennen sich aus und wissen, welche neue, anregende Kinder- und Jugendliteratur es gibt.“

Für die Klasse 3d geht an diesem Vormittag der Handlungsorientierte Literaturunterricht nach drei Monaten zu Ende. „Es war schön, zu lesen, zu schreiben und auch zu basteln“, sagt ein Mädchen. „Man lernt, in der Gruppe zu arbeiten“, ergänzt eine Mitschülerin. Die Feedbackrunde zeigt, wie viel Spaß den Schüler:innen auch das Präsentieren vor den anderen Klassen gemacht hat. Das Interesse der Kleineren sei toll gewesen, auch für die Geschichten aus den Büchern. „Ich bin stolz darauf, was wir geschafft haben“, meint ein Mitschüler. Aber nicht nur er, alle aus der 3d dürfen sich am Ende für ihre tollen Arbeiten auf die Schulter klopfen.

Schulporträt veröffentlicht im Jahr 2024.

Die Adolf-Glaßbrenner-Grundschule ist eine offene Ganztagsschule in Berlin-Kreuzberg. Zur Förderung der Sprach- und Lesekompetenz der Schüler:innen bietet die Schule vielfältige Angebote in einer engen Verzahnung von unterrichtlichem und außerunterrichtlichem Bereich.

Details zur Adolf-Glaßbrenner-Grundschule

Schulform Grundschule
offene / teilgebundene / gebundene Ganztagsschule offene Ganztagsschule
Schüler:innen 442
Lehrkräfte 38
Erzieher:innen 22 (inkl. Bundesfreiwilligendienst, Praktikant:innen, Freiwilliges Soziales Jahr, etc.)
Schulsozialarbeiter:innen
2 Schulsozialarbeiterinnen,
1 Ergotherapeut

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