Grüner Campus Malchow

Lernwerkstätten vom Jül- bis zum Sekundarbereich

Lernwerkstatt
DKJS/ Wibke Bergemann

Eine Lernwerkstatt gibt es an der Gemeinschaftsschule Grüner Campus Malchow in Berlin-Lichtenberg seit über 20 Jahren, inzwischen sogar in der Mittel- und Oberstufe. Das forschende Lernen ermöglicht den Schüler:innen, ihren eigenen Fragen nachzugehen und dabei zu individuellen Lösungswegen zu gelangen.

Ein Schulporträt von Wibke Bergemann

Heute sind in der Lernwerkstatt die Jalousien heruntergelassen. Es muss dunkel sein, denn in den beiden Räumen erforscht eine fünfte Klasse das Thema „Licht und Schatten“. Die Schüler:innen haben sich verteilt, auf den Tischen liegen verschiedene Versuchsmaterialien zur Optik bereit. Alles darf in die Hand genommen und ausprobiert werden. Ein Schüler schnappt sich eine Taschenlampe, leuchtet damit durch eine Lupe und beobachtet fasziniert, wie sich der Lichtstrahl dadurch verändert. Daneben spielen zwei Mädchen am Overheadprojektor Schattentheater: Sie halten eine Flasche so nahe ans Licht, dass ihr Schatten riesig wird – so riesig, dass der viel kleinere Schatten eines der Mädchen „hineinsteigen“ kann – wie ein Geist in der Flasche. In einer anderen Ecke schaut eine Schülerin durch eine selbstgebastelte Camera Obscura und ruft überrascht: „Oha!“ Die drei bunten Glühlampen vor ihr sind plötzlich ganz klein und stehen Kopf, und das auch noch seitenverkehrt: Warum denn das?

DKJS/ Wibke Bergemann

Das Besondere in der Lernwerkstatt: Jeder und jede geht hier auf eine eigene Entdeckungsreise. Der Raum lädt dazu ein, auszuprobieren und eigenen Fragen nachzugehen. Auch das Material ist so ausgewählt, dass es die Kinder neugierig macht und motiviert. Denn statt nur mit dem Kopf wird in der Lernwerkstatt mit allen Sinnen gelernt. Die Kinder sollen vor allem Spaß und Freude am eigenen Handeln und Lernen haben. Dabei wird so weit wie möglich fächerübergreifend gearbeitet. Forschungsthemen sind neben „Licht und Schatten“ beispielsweise auch „Schrift und Sprache“, „Erfindungen“, „Strom“ und „Brücken“. Ihre Erkenntnisse halten die Kinder in kurzen Berichten, Skizzen und Zeichnungen fest. Auch Videos, Podcasts, Bilder, kleine Installationen oder Modelle können dabei entstehen.

„Man muss die Erfahrung machen, dass man an Grenzen stößt. Dann stellt sich die Frage: ‚Wie mache ich jetzt weiter? Wen kann ich fragen?‘“

Kathrin Kormannshaus
Erzieherin

Lernbegleitung statt Anleitung

Man könnte auch sagen, das Lernen verläuft hier auf „Trampelpfaden“ statt auf der „Autobahn“. In einer Lernwerkstatt geht es nicht darum, auf schnellstem Wege ans Ziel zu kommen, sondern auch Erfahrungen damit zu machen, wie man ans Ziel kommen kann: etwa durch Kooperation oder mit bestimmten Hilfsmitteln. Einer der Fünftklässler in der Lernwerkstatt ist begeistert von dem Regenbogen, der erscheint, wenn Licht auf die silberglänzende Oberfläche einer CD im Wasserbecher fällt. Doch wie kann er diesen Regenbogen auf ein weißes Blatt Papier reflektieren? Er leuchtet erst von oben, dann von unten. Er probiert es nochmal, es gelingt ihm nicht. Auch das gehört zum forschenden Lernen: Momente der Frustration, in denen etwas nicht klappt, sich keine Erklärung oder Lösung bietet und ein Kind ratlos ist. Denn das ist hier erlaubt: Fehler zu machen und auch mal zu scheitern. „Man muss die Erfahrung machen, dass man an Grenzen stößt. Dann stellt sich die Frage: ‚Wie mache ich jetzt weiter? Wen kann ich fragen?‘“, sagt die Erzieherin Kathrin Kormannshaus.

DKJS/ Wibke Bergemann

Doch das entscheidenste Merkmal einer Lernwerkstatt ist das andere Rollenverständnis der Erwachsenen: Statt die Kinder anzuleiten, begleiten sie diese und geben lediglich Impulse, wenn die Kinder sie benötigen. Hier sind sie nicht Lehrkräfte oder Erzieher:innen, sondern Lernbegleiter:innen. „Als Pädagogin will ich mein Wissen weitergeben. Aber die Kinder müssen eigene Erfahrungen machen“, erklärt Kormannshaus. Ein Beispiel: Ein Kind spannt ein Brett hochkant in den Schraubstock, um es von der Seite durchzusägen. Es sei wichtig, sich in dem Moment zurückzuhalten und nicht einzuschreiten, auch wenn das Material dabei möglicherweise kaputt gehe. Jana Weidlich, die als Lernbegleiterin über den Träger Schlaufuchs Berlin an der Schule tätig ist, sagt: „Erst ist ja diese Forschungsanspannung da. Wenn dann jemand sagt: ‚Das ist falsch‘ und die Lösung präsentiert, kann man gut beobachten, wie bei dem Kind die Luft rausgeht und die Motivation erlahmt.“ Genau das will die Lernbegleitung verhindern, um den Prozess des Forschens nicht zu stören. So können die Schüler:innen im besten Fall über sich hinauswachsen.

„Ich finde es gut, dass man alles ausprobieren darf. Und wenn ich etwas nicht kann, dann frage ich die anderen, wie es geht.“

Schüler

Den Prozess im Blick, statt das Ergebnis

Für die Schülerinnen und Schüler ist das Arbeiten ohne Anleitung ungewöhnlich. Manche der Kinder, die heute in der Lernwerkstatt sind, schauen erstmal zu, was die anderen machen. Ein Junge hat sich dagegen gleich voller Neugier aufs Material gestürzt: „Ich finde es gut, dass man alles ausprobieren darf. Und wenn ich etwas nicht kann, dann frage ich die anderen, wie es geht.“ Ein Mitschüler kommt hinzu, um ihm etwas zu zeigen: „Guck mal, ich habe etwas echt Cooles entdeckt!“ Auch er ist begeistert von der Lernwerkstatt: „Das ist toll, dass wir uns alles nehmen und angucken können, was wir brauchen.“ Zwei Mädchen stehen dagegen etwas lustlos zusammen, ihnen fällt es offensichtlich schwer, sich auf das freie Erkunden einzulassen – ohne ein klares Ziel, dass man am Ende abhaken kann. „Ich mache lieber meinen Wochenplan“, sagt eine von ihnen. Die Erzieherin Kathrin Kormannshaus kennt das Verhalten. „Die Schüler:innen sind es gewohnt, dafür belohnt zu werden, dass sie ihre Aufgaben ergebnisorientiert und zügig erledigen. Sie müssen erstmal eine Wertschätzung für dieses andere Arbeiten entwickeln, bei dem es ja darum geht, selbst etwas herauszufinden“, gibt sie zu bedenken.

Doch wer prozess- statt ergebnisorientiert arbeiten will, braucht Zeit. Tatsächlich ist fehlende Zeit für die Lernwerkstatt in einer Schule oft ein Problem. Im Durchschnitt geht ein Lernwerkstatt-Projekt am Grünen Campus über zwei bis vier Doppelstunden. Es sei wichtig, auch Kompromisse einzugehen, sagt Kathrin Kormannshaus. Sie selbst arbeitet gerne sehr frei. Doch wenn eine Lehrkraft einem Projekt nur wenige Unterrichtsstunden widmen möchte, werde die Lernumgebung entsprechend angepasst. Dann sind – wie bei der 5. Klasse in der Lernwerkstatt „Licht und Schatten“ – bereits Materialtische aufgebaut, an denen sich bestimmte Phänomene selbstständig erkunden lassen.

„Sprache ist immer ein wichtiger Teil in der Lernwerkstatt. Die Kinder sprechen sehr viel miteinander und versuchen, mit eigenen Worten zu beschreiben, was sie erkundet und beobachtet haben.“

Anja Niclas
Lehrerin

Sprachbildung – immer dabei

Aber die Kinder forschen nicht nur an Tischen. Auch im Flur vor der Lernwerkstatt haben sich drei von ihnen aufgestellt, jedes mit einem Spiegel in der Hand. Können sie den Lichtstrahl aus einem Diaprojektor so reflektieren und umlenken, dass er am Ende im Nachbarraum ankommt? Dazu müssen alle drei am richtigen Platz stehen und den Spiegel im richtigen Winkel halten. Bis das gelingt, sind allerlei Absprachen nötig. „Sprache ist immer ein wichtiger Teil in der Lernwerkstatt“, erläutert Anja Niclas. „Die Kinder sprechen sehr viel miteinander und versuchen, mit eigenen Worten zu beschreiben, was sie erkundet und beobachtet haben.“ Eine Dokumentation der eigenen Forschung im Lerntagebuch gehört immer dazu. Nebenbei erlernen sie Fachwörter, die ihren Wortschatz erweitern und die sie brauchen, um ihre Ergebnisse zu beschreiben. Und zum Abschluss des Vormittags setzen sich die Fünftklässler:innen auf Kissen im Kreis und berichten. Ein Schüler erklärt etwa, wie man durch die Spiegelung auf einer Glasscheibe, die Illusion erzeugen kann, eine brennende Kerze stehe in einem Wasserbecher. Es ist ein komplexer Versuchsaufbau, aber dem Jungen gelingt es sehr gut, diesen anschaulich zu beschreiben.

Für die Lehrerin Anja Niclas ist die Lernwerkstatt nicht nur inspirierend, sondern auch eine gute Möglichkeit, differenziert auf die Bedürfnisse aller Schüler einzugehen. „Wir haben an der Gemeinschaftsschule sehr unterschiedliche Schüler:innen. Die Lernwerkstatt ist für mich die Rettung!“, schwärmt Niclas. Denn hier können die Kinder auf ganz unterschiedlichen Wegen zu unterschiedlichen Lösungen kommen. Auch die Lerninseln können differenziert angelegt und so den verschiedenen Bedürfnissen gerecht werden.

DKJS/ Wibke Bergemann

Brücke zwischen Vor- und Nachmittag

Der Grüne Campus Malchow ist eine offene Ganztagsschule, viele Schüler:innen aus den Grundschulklassen sind auch am Nachmittag hier. Dabei bieten die Lernwerkstätten eine gute Möglichkeit, das Lernen aus dem Vormittag mit in den Nachmittag zu nehmen. Dann gibt es in den beiden Räumen für die Jahrgangsstufen 4 bis 6 ein offenes Angebot. Die Kinder können dann selbstständig noch einmal hierher kommen und dort weiterforschen, wo sie am Vormittag aufgehört haben. Wichtig sei daher eine gute Kommunikation zwischen den Professionen, betont Anja Niclas. Tatsächlich habe die besondere Herangehensweise in der Lernwerkstatt die Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Erzieher:innen an der Schule verbessert. Fortbildungen, Hospitationen und Beratungen zu der Methode werden an der Schule seit vielen Jahren angeboten und richten sich an alle Professionen.

Die erste Lernwerkstatt wurde an der Schule bereits 2004 eingerichtet. „Damals hatte eine Kollegin die Idee aus einer Kita mitgebracht und die Schulleitung davon überzeugen können“, erinnert sich die Lehrerin Anja Niclas. In einem Team aus Lehrkräften und Erzieher:innen wurde das Konzept erarbeitet. Kolleg:innen der verschiedenen Professionen nahmen an Fortbildungen der Serviceagentur Ganztag oder der Berliner Bildungsverwaltung teil und ließen sich zu Lernbegleiter:innen ausbilden. „Unser erster Raum war komplett leer. Dann haben wir angefangen, Materialien zu sammeln. Wir haben die Eltern gefragt. Als eine Druckerei aufgelöst wurde, haben wir Pressen, Druckfarbe und Papier bekommen“, erzählt Niclas. Und erst allmählich fand die Lernwerkstatt auch im Unterricht am Vormittag statt.

DKJS/ Wibke Bergemann

Lernwerkstatt bis zum Abitur

An der Gemeinschaftsschule, die von der ersten Klasse bis zum Abitur führt, wurde die Lernwerkstattarbeit zunächst für die Klassenstufen 4 bis 6 eingeführt. Doch auch in den Jül-Gruppen und – eine Seltenheit an Schulen – im Sekundarbereich setzten einzelne Lehrkräfte das Konzept um. Zum Schuljahr 2024/25 wurde das Angebot schließlich deutlich ausgeweitet: Seitdem ist die Lernwerkstatt in den Jül-Gruppen fest im Stundenplan verankert. Die 4. bis 6. Klassen nehmen in einem Schuljahr an sechs bis acht Projekten teil. In den höheren Klassen dagegen werden dem Forschergeist durch die vollgepackten Curricula deutliche Grenzen gesetzt. Für den gesamten Sekundarbereich kann das Lernwerkstatt-Team bislang lediglich vier Doppelstunden pro Woche anbieten. Immerhin, es ist ein Anfang.

„Beispielsweise ist eine Englischlehrkraft mit ihrer Klasse zu uns gekommen, um das Thema Podcast über New York bei uns zu behandeln“, berichtet Jana Weidlich. Für die höheren Jahrgänge stehen drei Räume zur Verfügung, so dass in Kleingruppen gearbeitet werden kann. Denn die älteren Schüler:innen hätten sich bereits daran gewöhnt, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Umso schwieriger sei es, mit ihnen „neben der Spur“ zu arbeiten und kreativ zu werden, sagt Weidlich. Sie ließen sich beispielsweise dadurch motivieren, dass sie die Präsentationsmethoden aus der Lernwerkstatt auch für die 5. Prüfungskomponente im Abitur verwenden können.

„Man kann diese Art des Arbeitens nicht erklären. Man muss das selbst als Lernende erleben, um es richtig zu verstehen.“

Anja Niclas
Lehrerin

Tipp: klein anfangen

Bei der Entwicklung der unterschiedlichen Lernwerkstätten an der Schule habe es sehr geholfen, bei anderen Schulen zu hospitieren und sich dort Anregungen zu suchen, sagt die Jül-Lehrerin Anja Freier. „Vorher habe ich mich gefragt: Mathe als Lernwerkstatt, wie soll das denn gehen? Aber nach der Hospitation wusste ich: Jetzt erst recht.“ Begeistert erzählt Freier, wie sie beispielsweise mit Plättchen die Mengenlehre erfahrbar machen kann. „Hinterher fragen die Kinder: ‚Und wann machen wir Mathe?‘ Sie glauben, sie hätten nur gespielt.“

Schulen, die ebenfalls eine Lernwerkstatt einrichten wollen, empfiehlt Anja Niclas, klein anzufangen. Ein besonderer Raum, der für die Lernwerkstatt reserviert ist und der allen Beteiligten signalisiert, hier findet ein anderes Lernen statt, sei nützlich. „Aber man kann auch erstmal mit einem Rollcontainer arbeiten, in dem man die Materialien sammelt“, so Niclas. Wichtiger als der Raum und die Materialien sei die wertschätzende und interessierte Haltung der Lernbegleiter:innen gegenüber den forschenden Schüler:innen. Das könne nur gelingen, wenn alle Professionen an einer Schule mitgenommen werden und die interessierten Kolleg:innen an Fortbildungen teilnehmen. „Man kann diese Art des Arbeitens nicht erklären“, meint Niclas. „Man muss das selbst als Lernende erleben, um es richtig zu verstehen.“

Schulporträt veröffentlicht im Schuljahr 2025/26.

Details zum Grünen Campus Malchow

Schulform Gemeinschatsschule
offene / teilgebundene / gebundene Ganztagsschule offene Ganztagsschule
Schüler:innen 1750
Lehrkräfte 160
Erzieher:innen 35
Weitere Fachkräfte (technische und pädagogische) 65

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