Maria-Leo-Grundschule

Montessori-Pädagogik im Compartmentbau

DKJS/ Wibke Bergemann

In der Maria-Leo-Grundschule in Berlin-Pankow wird viel Wert auf selbständiges Lernen gelegt. Die offen gestalteten Räume im neuen Compartmentbau bieten dafür besonders gute Bedingungen. Außerdem sind klare Regeln sowie eine enge Zusammenarbeit im gesamten pädagogischen Team nötig.

Ein Schulporträt von Wibke Bergemann

Schon der Morgen beginnt an der Maria-Leo-Grundschule in Berlin-Pankow ungewöhnlich: mit Gleitzeit. Zwischen 7:45 und 8:15 Uhr kommen die Schüler:innen in den Lerngruppenraum und planen ihren Tag über das Brückenbuch. Dann holt sich jede:r den persönlichen Lernordner und arbeitet selbstständig da weiter, wo am Vortag aufgehört wurde.

Denn hier wird nach der Montessori-Pädagogik gelernt. Die Klassenzimmer haben keine kahlen Tischreihen, die zur Lehrkraft ausgerichtet sind, sondern erinnern an gemütliche Großraumbüros. Jeweils drei oder mehr Tische sind zu Arbeitsinseln zusammengestellt. Teilweise bieten kleine Trennwände zwischen den Tischen etwas Schutz vor Ablenkung. Eine Klasse hat sich sogar entschieden, ihren Raum mit Gardinen zu unterteilen. Die durchlässigen, weißen Stoffe hängen mitten im Raum und werden von einer Lichterkette geschmückt. Dazwischen sitzen die Schüler:innen an ihren Schreibtischen wie in geräumigen Zelten.

Und nicht nur die Räume bieten eine förderliche Lernumgebung, das ganze Schulgebäude ist bestens geeignet für das Montessori-Konzept. Denn die Maria-Leo-Grundschule befindet sich im ersten Compartmentbau, der in Berlin im Sommer 2023 fertig gestellt wurde. Das Besondere an diesem Schulgebäude: Es besteht aus den sogenannten Compartments – abgeschlossenen Einheiten, die auch als Lernhäuser bezeichnet werden.

„Wir haben bereits in dem alten Schulgebäude mit Montessori-Pädagogik gearbeitet“, sagt Schulleiterin Sandra Scheffel. „Aber hier lässt sich das super umsetzen. Alle Konzepte gehen auf.“ Dazu gehört die große Offenheit: Helle Räume, große Fenster, alle Türen, aber auch viele Wände sind aus Glas und geben den Blick frei auf die anderen Bereiche innerhalb des Lernhauses. Mittelpunkt ist ein sogenanntes Forum, um das alle Klassenzimmer und Teilungsräume eines Lernhauses herum liegen. Was in klassischen Schulgebäuden ein langer Flur ist, ist hier ein offener breiter Raum. Hier kann gespielt werden, aber es gibt auch einen großen Sitzkreis und Arbeitsplätze. So bietet das Compartment viele verschiedene Räume, auf die sich die Kinder beim selbstständigen Lernen verteilen können, ohne aus dem Blick zu geraten.

„Die externe Beraterin konnte unheimlich gut in das Team reinhören, welche Bedürfnisse oder Bedenken es gibt, und dann vermitteln.“

Sandra Scheffel
Schulleiterin

Drei Jahrgangsstufen in einem Lernhaus

Auch das jahrgangsübergreifende Lernen lässt sich im Compartmentbau gut umsetzen. An der Maria-Leo-Grundschule bilden drei Klassen der Jahrgangsstufen 1 bis 3 bzw. der Jahrgangsstufen 4 bis 6 ein Lernhaus. Innerhalb dieser Lernhäuser arbeiten die Klassen eng zusammen, so dass in Teilungsstunden klassenübergreifend Schüler:innen mit dem gleichen Lernstand gemeinsam unterrichtet werden können.

„Der Compartmentbau gibt nicht vor, wie man darin arbeitet, er bietet nur Möglichkeiten“, gibt Schulleiterin Sandra Scheffel zu bedenken. „Man braucht ein gutes Konzept.“ Vor dem Umzug haben sie und das Pädagog:innen-Team zwei Jahre darüber nachgedacht und diskutiert. Sie haben sich externe Hilfe und Beratung geholt, etwa von der Geschäftsführerin des Montessori Labors Berlin, die Schulleitung machte zudem ein Coaching. „Die externe Beraterin konnte unheimlich gut in das Team reinhören, welche Bedürfnisse oder Bedenken es gibt, und dann vermitteln.“ Die lange Vorbereitungszeit sei ein Kraftakt gewesen, der sich jetzt bezahlt mache.

„Es ist wichtig, dass wir einheitlich arbeiten und den Kindern verlässliche Rituale anbieten.“

Marcel Tuttlies
koordinierender Erzieher

Erzieher:innen in allen Gremien dabei

Bei der Planung waren wohlgemerkt nicht nur die Lehrkräfte immer dabei, sondern auch die Erzieher:innen. „Das ist etwas Besonderes, die große Wertschätzung, die Erzieher:innen hier erfahren“, sagt Marcel Tuttlies, der eFöB-Koordinator. „Wir versuchen so wenig wie möglich einen Unterschied zwischen den Professionen zu machen“, bestätigt die Schulleiterin.

Die Erzieher:innen sitzen deshalb gemeinsam mit den Lehrkräften in den Pädagog:innenräumen der jeweiligen Lernhäuser. Einmal die Woche kommt die Schulleitung zusammen, die hier nicht nur eine „erweiterte“, sondern ein „kollektive“ ist. Zu ihr gehören neben der Schulleiterin, ihrer Stellvertreterin und dem leitenden Erzieher auch jeweils eine Lehrkraft und ein:e Erzieher:in aus jedem Lernhaus. Denn für das Team ist klar: Eine gute Kommunikation ist unerlässlich. Das freie und selbstbestimmte Lernen ist nur dann möglich, wenn es klare Regeln und Strukturen gibt, die von allen eingehalten werden. „Es ist wichtig, dass wir einheitlich arbeiten und den Kindern verlässliche Rituale anbieten“, sagt Erzieher Marcel Tuttlies.

Wer etwa eine Vertretungsstunde übernehme, sollte genauso arbeiten wie die Kolleg:innen. Eine Schulstunde mit Unruhe und Durcheinander könne das konzentrierte Arbeiten für den Rest des Tages erschweren. Und Sandra Scheffel ergänzt: „Wir Pädagoginnen haben natürlich unterschiedliche Vorstellungen von unserer Arbeit mit dem Kind. Aber hier gibt es ein sorgfältig ausgearbeitetes Konzept, das nur funktioniert, wenn sich alle darauf einlassen.“

Gerade für viele Erzieher:innen sei es „Neuland“, dass sie an der Schule gefragt sind, in Gremien zu sitzen, an Konzepten für die Weiterentwicklung mitzuwirken und Verantwortung zu übernehmen. Sie müssten in diese ungewohnte Rolle erst einmal reinwachsen, berichtet Tuttlies. Doch die enge Zusammenarbeit habe Erfolg: „Es gibt mehr Verständnis zwischen den Professionen. Man bekommt einen Einblick, warum manche Entscheidungen so schwierig sind. Und die Veränderungen, die gemeinsam erarbeitet wurden, werden am Ende besser angenommen.“

modern gestalteter Raum an Grundschule mit Sitzelementen, Glaskubus, in dem jemand gemütlich liest
DKJS/ Wibke Bergemann

Positives Feedback der Schüler:innen

Doch vor allem die Schüler:innen profitieren von den Möglichkeiten, die diese Schule ihnen bietet. „Das Lernen macht mir Spaß, weil man selbst entscheiden kann, wo man in der Lernzeit arbeiten möchte“, sagt eine Sechstklässlerin, die mit zwei anderen Mädchen im Forum sitzt. „Es ist schön, wenn ich mit meinen Freundinnen hier draußen die Aufgaben machen kann.“ Die drei erzählen, wie sie die Erlaubnis erlangt haben, ihren Arbeitsplatz frei zu wählen. Ab der 4. Klasse sind die Kinder in unterschiedliche Kategorien eingeteilt: Explorer, Explainer und Experts – je nachdem, wie gut sie in der Lage sind, frei zu arbeiten und beispielsweise auch Ordnung zu halten. Jede Kategorie ist mit bestimmten Rechten und Pflichten verbunden. Solange jemand ein „Explorer“ ist, darf er in der Lernzeit nicht außerhalb des Klassenzimmers arbeiten, erklären die Mädchen. „Aber wenn man sich gut benommen hat, kann man einen Brief schreiben und sich darum bewerben, in einen höheren Level zu kommen.“ Für die Kinder sei das System ein wichtiger Ansporn weiterzukommen, bestätigt Tuttlies.

DKJS/ Wibke Bergemann

Raum als Lernumgebung

Wenn man die Schüler:innen fragt, was ihnen an ihrer Schule gefällt, erhält man ganz verschiedene Antworten. Beispielsweise, dass die Schulleiterin so nett ist oder „dass wir so viel Freiheit haben.“ Ein Junge findet es gut, dass alle Schüler:innen ein iPad haben, auf dem eine App ihren Lernweg steuert. „Es gibt Lernvideos und Helfer in der App. Dadurch haben wir eigentlich doppelt und dreifach Lehrer für uns“, lobt er. Andere Schüler:innen schätzen es sehr, dass die Räume so gemütlich sind, besonders der Englischraum „mit den schönen Lampen und Pflanzen“, wie eine Viertklässlerin meint.

Der Erziehungswissenschaftler Loris Malaguzzi bezeichnete den Raum als „dritten Pädagogen“, weil er neben den Mitschüler:innen und der Lehrkraft entscheidend dafür sei, wie Kinder lernen. Davon ist auch Schulleiterin Scheffel überzeugt und erzählt, dass sie und das Team viele Möbel zusätzlich zu der üblichen Ausstattung besorgt haben. Etwa die weißen Ikea-Regale, die im Forum den Raum strukturieren und wohnlich machen, oder die Pulttürme, an denen von vier Seiten im Stehen gearbeitet werden kann. „Die Mensa zum Beispiel ist ein riesiger, kahler Raum. Wenn das ein Restaurant wäre, würde ich mich da niemals reinsetzen. Wir haben deshalb Raumteiler aufgestellt. Die Kinder sollen sich ja hier entspannen.“ Es sei nicht leicht gewesen, hierfür alle bürokratischen Hürden aus dem Weg zu räumen.

OK – das Offene Konzept ab 14 Uhr

Die Maria-Leo-Grundschule ist eine offene Ganztagsschule, ab 14 Uhr gilt ein offenes pädagogisches Konzept. Die Schüler:innen, die in der Schule bleiben, sind dann nicht mehr an ihre Lerngruppe oder das Lernhaus gebunden, sondern können sich durch das ganze Gebäude bewegen. Dabei können sie ihren persönlichen Interessen nachgehen: im Bauraum etwas bauen, im Theaterraum ein Stück einüben, im Kreativraum basteln, im Dschungelraum zwischen den vielen Pflanzen lesen oder etwas spielen. Es gibt unter anderem eine Tanz- und eine Schach AG. Wer Ruhe braucht, macht es sich im Ruheraum auf einem Sitzkissen gemütlich. Wer dagegen Bewegung braucht, geht zum Toben auf den Schulhof. Wichtig sind dabei die verschiedenen Rückzugsorte: Nischen und Ecken, in denen die Kinder sich erholen können, aber auch die Möglichkeit haben, für sich etwas Neues zu entdecken.

Auch die Klassenzimmer bleiben offen. „In einem spielen zur Zeit ein paar Kinder jeden Nachmittag Schule. Sie wollen alle mal Lehrerin sein“, erzählt lächelnd Sandra Scheffel. Wer möchte, kann sich selbstständig mit Lernmaterialien beschäftigen. „Wir Erzieher:innen begleiten das Lernen am Nachmittag“, sagt Tuttlies. Um diese große Freiheit zu erlauben, müssen klare Regeln gelten: Was darf ich mir selbständig nehmen? Wann muss ich eine Pädagog:in bitten, mir etwas aus den Schubladen zu geben? Vor allem müssen die Schüler:innen eigenverantwortlich am Nachmittag immer dokumentieren, wo im Gebäude sie sich gerade aufhalten. Dazu heften sie einen Magneten mit ihrem Namen auf einer großen Tafel an den entsprechenden Raum.

DKJS/ Wibke Bergemann

Wie die Kinder sind auch die Erzieher:innen nachmittags auf das gesamte Gebäude verteilt, entweder als Teamer:in in den Themenräume, wo sie die Aktivitäten der Kinder begleiten, als AG-Leiter:innen oder auch als Aufsicht auf dem Schulhof und in den Lernhäusern. Da alle Klassen- und Teilungsräume durch die Glaswände einsehbar sind, können sich Schüler:innnen auch darin allein oder in kleinen Gruppen aufhalten und zugleich beaufsichtigt werden.

Keine der Erzieher:innen steht wie sonst üblich vor dem Konflikt, dass ein Teil der Klasse, die sie am Nachmittag betreut, basteln möchte und der andere Teil lieber auf dem Hof Ball spielen möchte. „Unsere Tätigkeit im Offenen Konzept am Nachmittag ist weitgehend interessensorientiert“, erklärt Marcel Tuttlies. „Erzieher:innen, die gerne Musik machen, bieten etwas mit Musik an. Andere basteln lieber und übernehmen dann, wenn möglich, den Kreativraum.“

App-Tour durch die Vorzeigeschule

Anderthalb Jahre nach ihrer Eröffnung hat sich die Maria-Leo-Grundschule zu einer Vorzeigeschule entwickelt. Schulleiterin Sandra Scheffel erhält zahlreiche Anfragen von Kolleg:innen von anderen Schulen, die hospitieren und sich das Gebäude zeigen lassen möchten – mehr als sie nachkommen kann. Darum, und auch für den Tag der Offenen Tür hat die Schule mit einer Smartphone-App eine Multimedia-Tour erstellt, von der sich Besucher:innen durch das Haus führen lassen und viel über das Konzept lernen können, das Konzept einer bemerkenswerten Schule.

Schulporträt veröffentlicht im Schuljahr 2024/2025.

Details zur Maria-Leo-Grundschule

Schulform Grundschule
offene / teilgebundene / gebundene Ganztagsschule offene Ganztagsschule
Schüler:innen 385 (Schuljahr 2024/25)
Lehrkräfte 30
Erzieher:innen 18
Schulsozialarbeiter:innen 1
Hausmeister
1
Besonderheiten
Compartmentbau
Montessoripädagogik, jahrgangsübergreifendes Lernen 1-3 und 4-6

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