Grundschule an der Pulvermühle

Rhythmisierung umsetzen – pragmatisch und mit Mut zu Fehlern

DKJS/ Wibke Bergemann

Zunächst wollte die Grundschule an der Pulvermühle nur ein Leseband einführen. Aber die Schulleitung nutzte die Gelegenheit, um den Schulalltag zu rhythmisieren. Handeln und umsetzen, auch wenn es nicht gleich perfekt wird – nach diesem Motto stellte die Schule auf ein 40-Minuten-Modell um.

Ein Schulporträt von Wibke Bergemann

Nicht mal ein Jahr haben sie gebraucht: Anfang 2025 kam die Idee auf, ein Lese- und ein Matheband an der Grundschule an der Pulvermühle in Berlin-Spandau einzuführen. Und schon im September darauf startete das neue Schuljahr mit einer neuen, rhythmisierten Zeitstruktur, in der diese beiden zusätzlichen Bildungselemente ihren Platz gefunden hatten. „Wenn es einen Funken gibt, muss man ihn nutzen, um ein Feuer zu entfachen“, sagt Schulleiterin Anja Parizek und lächelt stolz.

„Wir hatten in den Hofpausen immer wieder mit kleineren Gewaltkonflikten zu tun.“

Lukas Bergel
Konrektor

Der Anstoß für den großen Entwicklungsschritt kam von außen: als es Hinweise gab, dass die Grundschule an der Pulvermühle in das Berliner Startchancen-Programm aufgenommen werden würde. „Wir mussten damit rechnen, früher oder später ohnehin ein Leseband einführen zu müssen. Da war es gut, die Umstellung ausreichend vorzubereiten“, sagt Konrektor Lukas Bergel. Dazu kamen interne Gründe, die dafür sprachen, den Schulalltag zu rhythmisieren. So steigen die Schülerzahlen an der Grundschule seit einigen Jahren rapide an. Während im Schuljahr 2024/25 noch knapp über 600 Schüler:innen die Schule besuchten, sind es 2025/26 bereits 700, verteilt auf 33 Regel- und 3 Willkommensklassen. Im kommenden Schuljahr könnte die Zahl sogar auf knapp 800 Schüler:innen steigen. Damit alle Schüler:innen in der Schulmensa Platz finden, müssen sie zu versetzten Zeiten Mittag essen. Die wachsenden Schülerzahlen machten sich zuletzt auch auf dem Schulhof bemerkbar, der ohnehin durch den Bau eines zusätzlichen Gebäudes verkleinert wurde. „Wir hatten in den Hofpausen immer wieder mit kleineren Gewaltkonflikten zu tun“, beschreibt Bergel die Situation.

Zunächst diskutierten Schulleiterin Anja Parizek und Konrektor Lukas Bergel über die Möglichkeiten, an der Schule nicht nur ein Leseband einzuführen, sondern auch den Schultag an der offenen Ganztagsschule zu rhythmisieren. Schon bald wurde die erweiterte Schulleitung in die Überlegungen miteinbezogen. Eine erste Idee: Das Leseband in den letzten 20 Minuten der 2. Stunde durchzuführen. „Aber immer wieder die gleichen Unterrichtsstunden zur Hälfte zu kappen, um etwas Neues zu machen, das gefiel mit nicht“, sagt Anja Parizek. Stattdessen kam eine andere Idee auf: „Warum kürzen wir nicht alle Stunden um fünf Minuten?“

„Für mich war klar, dass wir Erzieher:innen viele der Aufsichten übernehmen können.“

Claudia Brüsch
Leiterin der ergänzenden Förderung und Betreuung (eFöB)

Von der Idee zum Konzept

Gemeinsam mit der Serviceagentur Ganztag Berlin wurde ein halbtägiger Workshop veranstaltet, an dem Vertreter:innen aller Professionen an der Schule teilnahmen. Dabei wurden einige Konzepte verglichen, die an anderen Schulen praktiziert werden. „Ich weiß noch, wir haben uns für ein Modell entschieden und dann auf einer riesigen weißen Tafel mit Post-Its das Stundenraster beispielhaft für die 2. Klasse erstellt“, erzählt die Schulleiterin. Anschließend wurde dieses Raster für die anderen Jahrgangsstufen weiterentwickelt. Auch ein Matheband und eine Lernzeit sollten in den Tag integriert werden. Außerdem ging es darum, die verschiedenen Bildungselemente an der Schule besser über den Tag zu verteilen, etwa externe Angebote wie die Streichergruppe, der Schwimmunterricht oder Trommelworkshops.

Zudem sollten die Hofpausen gestaffelt werden, so dass sich immer nur jeweils zwei Jahrgangsstufen dort aufhalten. Die dadurch höhere Zahl an Pausenaufsichten konnten die Lehrkräfte allein jedoch nicht leisten. Hilfe kam vom eFöB-Team: „Für mich war klar, dass wir Erzieher:innen viele der Aufsichten übernehmen können“, sagt Claudia Brüsch, die die ergänzende Förderung und Betreuung (eFöB) an der Schule leitet. Der außerunterrichtliche Bereich wird von dem freien Träger Johannesstift Diakonie Jugendhilfe betrieben, doch Brüsch betrachtet sich als Teil der Schule. Zweimal die Woche kommen sie und die Schulleitung zusammen, um miteinander zu sprechen – „offen und auf Augenhöhe“ wie Brüsch betont. Die Rhythmisierung des Schulalltags wurde nicht zuletzt durch diese enge Zusammenarbeit möglich.

Partizipation bei der Einführung

Im März 2025 präsentierte die Schulleitung auf einem Studientag das Rhythmisierungskonzept dem Kollegium. In Arbeitsgruppen entwickelten die Lehrkräfte die inhaltliche Gestaltung der Lese- und Mathebänder. Die Gesamtkonferenz stimmte schließlich dem Konzept zu. Anschließend wurde die neue Zeitstruktur auch dem Schülerparlament und der Gesamtelternvertretung vorgestellt, um wirklich alle bei diesem große Schritt mitzunehmen. Bei den Eltern sei das 40-Minuten-Modell teilweise auf Bedenken gestoßen, erinnert sich Anja Parizek. Einige hätten ihr vorgerechnet, wieviel Englischunterricht beispielsweise in einem Jahr verloren geht, wenn von jeder Unterrichtsstunde fünf Minuten abgezogen werden. „Doch wie sollen die Kinder Englisch lernen, wenn sie nicht ausreichend lesen können?“, hält Parizek dagegen. Am Ende stimmte auch die Schulkonferenz der Rhythmisierung im 40-Minuten-Modell zu. Die Schulaufsicht wurde entsprechend informiert.

„Weil wir das Leseband schrittweise eingeführt haben, kennen die Kinder die Formate mittlerweile gut, so dass sie auch von fachfremden Lehrkräften und Erzieher:innen begleitet werden können.“

Anja Parizek
Schulleiterin

Erste Erfolge des neuen Lesebands

Das Leseband führten Parizek und Kolleg:innen als erstes und noch im bereits laufenden Schuljahr ein. Die Aufgaben für diese täglichen 20 Minuten werden seither von den Deutschlehrkräften der jeweiligen Klassen vorbereitet. Geübt wird vor allem Lautlesen: chorisches Lesen, Tandemlesen und Würfellesen, bei dem in Kleingruppen ausgewürfelt wird, wer jeweils laut liest – ich, du oder wir. Um die Lesemotivation der Kinder zu verbessern, wird außerdem mit Lesespurgeschichten gearbeitet. Einmal die Woche lesen die Kinder in einem selbst ausgewählten Buch, das sie von zuhause oder aus der Schulbibliothek mitbringen. „Weil wir das Leseband schrittweise eingeführt haben, kennen die Kinder die Formate mittlerweile gut, so dass sie auch von fachfremden Lehrkräften und Erzieher:innen begleitet werden können“, erklärt Anja Parizek.

Tatsächlich zeigt die Leseförderung bereits messbare Erfolge. Kurz vor der Einführung des Lesebands, im März, und ein halbes Jahr später im November wurde die Lesekompetenz der Kinder mit dem Elfe II-Test geprüft. Im zweiten Test zeigten die Kinder eine signifikant höhere Automatisierung bei der Worterkennung und auch das Wortverständnis hatte sich verbessert. Künftig sollen zweimal pro Jahr Individuelle Lernstandsanalysen (ILeA) an der Schule durchgeführt werden, um die Entwicklung der Kompetenzen in Deutsch und Mathe gut einschätzen zu können.

Eine wichtige Bedingung, die die Lehrkräfte an die Rhythmisierung gestellt hatten, wurde eingehalten: Der Unterricht endet weiterhin spätestens um 14:30 Uhr. Dennoch hat sich durch das Aufbrechen des kompakten Unterrichts am Vormittag und Mittag für die meisten Lehrkräfte die Zeit, die sie pro Woche an der Schule sind, verlängert. Ein Teil der Lehrkräfte kommt mit den Lücken im Tagesablauf gut zurecht. „Ich habe früher die Korrekturen und Unterrichtsvorbereitung abends gemacht, wenn meine Kinder im Bett waren“, sagt Lehrerin Carolin Sommerfeld. Jetzt nutze sie die Zeit zwischen den Unterrichtsstunden und müsse nichts mehr tun, wenn sie nach Hause komme. Andere Kolleg:innen dagegen ziehen es vor, möglichst kompakt zu unterrichten. 85 Prozent der individuellen Wünsche könne er bei der Planung berücksichtigen, versichert Konrektor Lukas Bergel.

„Hier wird spielerischer und zum Teil mit Gamification gearbeitet: Das finden sie [die Schüler:innen] gut und merken mitunter gar nicht, dass sie eigentlich gerade Rechnen üben.“

Lukas Bergel
Konrektor

Entspanntere Schüler:innen

Eine deutliche Verbesserung gibt es bei der Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und dem Erzieher:innen-Team. Zwar waren die Erzieher:innen vor der Rhythmisierung bereits in den unteren Klassen im Unterricht teilweise dabei. Doch ansonsten waren die Aufgaben klar zwischen Vormittag und Nachmittag aufgeteilt. Diese Trennung ist nun aufgebrochen. Die Erzieher:innen sind jetzt unter anderem für die Begleitung in den Lese- und Mathebändern sowie in der Lernzeit zuständig. Einige aus dem Team bieten zudem Wahlpflichtfächer an.

Besonders wichtig: Bei den Kindern kommt die Rhythmisierung sichtbar gut an. Vor allem die 3. bis 6. Klassen seien deutlich entspannter, sagt Claudia Brüsch: „Sie haben jetzt eine richtig gute Pause am Mittag. In der Lernzeit können sie mit Unterstützung Hausaufgaben machen und selbstorganisiert lernen. Und wenn sie nachmittags in den außerunterrichtlichen Bereich kommen, haben sie genügend Zeit zum Spielen.“ „Zudem mache das Lernen im Lese- und Matheband den Kindern viel Spaß“, bemerkt Lukas Bergel. „Hier wird spielerischer und zum Teil mit Gamification gearbeitet: Das finden sie gut und merken mitunter gar nicht, dass sie eigentlich gerade Rechnen üben.“

Die Nachteile sind überschaubar

Doch es gibt auch Nachteile. Gerade im Sportunterricht, der meist in einer Doppelstunde stattfindet, fehlen nun 10 Minuten – eine spürbare Verkürzung, besonders bei den Kleinen, bei denen schon das Umziehen länger dauert. „Ich muss mir jetzt genau überlegen, was ich in dieser kürzeren Zeit mit einer Klasse schaffen kann“, sagt Carolin Sommerfeld, die auch Sport unterrichtet.

Konrektor Lukas Bergel berichtet zudem, dass die Planung des Stundenplans weitaus komplizierter geworden sei: „Unsere Planungssoftware ist völlig überfordert.“ Denn teilweise werden Unterrichtsstunden zweigeteilt: in 20 Minuten Lernzeit und 20 Minuten Matheband. Entsprechend werde manchmal nur für die eine Hälfte der Stunde eine Vertretung gebraucht. „Das ist in dem Programm einfach nicht vorgesehen.“

„Gerade für die Lernzeit erhoffe ich mir nochmal einen kreativen Schub.“

Anja Parizek
Schulleiterin

Eine Arbeitsgruppe für die Weiterentwicklung

„Die Umstellung auf das 40-Minuten-Modell war eine Mammutaufgabe“, stellt Anja Parizek fest und nimmt es pragmatisch: „Wir haben schnell gemerkt, dass wir das nicht gleich perfekt machen können.“ Um das Modell weiterzuentwickeln, soll auf dem nächsten Studientag erneut das Kollegium befragt werden: Was läuft gut? Woran muss noch gearbeitet werden? In einer Arbeitsgruppe mit Kolleg:innen aus allen Professionen soll das Konzept dann noch einmal verbessert werden.

Denn nach einem Jahr Erfahrung zeigt sich, wo es noch hakt. Zum Beispiel: Die Kleinen aus den 1. und 2. Klassen müssen zu lange auf das Mittagessen warten, das für sie erst um 13:05 Uhr bzw. 13:25 Uhr beginnt. Oder: Oft wechselt eine Fachlehrkraft zwischen der 3. und der 4. Stunde die Klasse, bislang ist hier aber keine kurze Pause vorgesehen. Während die Lesebänder bereits gut laufen wünscht sich Schulleiterin Anja Parizek zudem, dass nun die Mathebänder und die Lernzeiten inhaltlich auf den Prüfstand kommen. „Gerade für die Lernzeit erhoffe ich mir nochmal einen kreativen Schub.“ Vieles sei hier denkbar, beispielsweise Zeit für einen Klassenrat, Demokratiebildung, Verkehrserziehung oder auch Gesellschaftsspiele. „Das kennen viele Kinder ja gar nicht mehr.“

Perspektivisch wird die Schule weiter wachsen, mehr Kinder bedeuten weniger Raum. Durch das 40-Minuten-Modell aber ist mehr Flexibilität entstanden, um mit der Situation umzugehen. Für Anja Parizek ist klar: „Schon deshalb können wir nicht mehr zurück zum alten Modell.“

Schulporträt veröffentlicht im Schuljahr 2025/26.

Details zur Grundschule an der Pulvermühle

Schulform Grundschule
offene / teilgebundene / gebundene Ganztagsschule offene Ganztagsschule
Schüler:innen 700 (Stand Mai 2026)
Lehrkräfte 51
Erzieher:innen 27
Schulsozialarbeiter:innen 2
Pädagogische Unterrichtshilfen 3
Psychologin 1

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